<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Tue, 29 Sep 2026 06:44:40 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Götterdämmerung</title>
		<link>https://tell-review.de/goetterdaemmerung/</link>
					<comments>https://tell-review.de/goetterdaemmerung/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 06:44:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120393</guid>

					<description><![CDATA[Im September 2026 wurde an der Deutschen Oper Berlin „Mittwoch aus Licht“ aufgeführt. Man erlebt einen Komponisten zwischen Guru und Clown - eine unfreiwillige Demontage des patriarchalen Künstlerbilds?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wer sich in den letzten Jahrzehnten mit komponierter neuer Musik beschäftigt hat, kommt um die esoterischen Eskapaden von Karlheinz Stockhausen und seiner siebenteiligen Oper <em>Licht</em> nicht herum. Irgendwann hat man dann auch alle Anekdoten und sarkastischen Kommentare gehört, mitsamt den Kontern des Meisters. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich an eine Stockhausen-Veranstaltung 1988 im Radiostudio Zürich. Als ein Komponistenkollege sanft die Komposition „Mission und Himmelsfahrt“ aus <em>Donnerstag</em> kritisierte, antwortete ihm Stockhausen: „Sie sind selbst Komponist, dann schreiben Sie doch ein besseres Stück.“ Kritik an seinem Spätwerk wehrte er ab, indem er darauf verwies, dass sein heute anerkanntes Frühwerk damals noch viel deutlicher abgelehnt worden sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war ich nach der Aufführung des vierstündigen <em>Mittwoch aus Licht</em> in der Deutschen Oper geplättet. Der Aufwand war gigantisch, die Realisierung perfekt, gelegentlich wird unvermittelt eine Botschaft für Liebe und Frieden eingestreut, und doch bleibt die Frage: Was will Stockhausen mit diesem gigantischen Projekt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich war es eine – freiwillige oder unfreiwillige – Demontage der Rolle des gottgleichen Künstlers, der die Welt bezwingen will. Dieser Künstlertypus ist eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, verkörpert von Musikern wie Richard Wagner oder Alexander Skrjabin. Ein Komponist schreibt geniale Musik, und er fügt ihr fragwürdige Texte und philosophische Plattitüden hinzu, mit denen wir uns dann ebenfalls beschäftigen müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn uns das zuwider ist, erhält das Werk dadurch einen Umstrittenheitsbonus und bleibt im Gespräch. Diesen grenzüberschreitenden Gestus hat Stockhausen derart übertrieben, dass es sich schlechterdings nicht mehr steigern lässt. Er hat damit das patriarchale Künstlerbild an sein Ende geführt. Wie weit ihm das bewusst war und ob er den szenischen Aspekt des Spektakels absichtlich so verfremdet hat, dass es zuweilen wie eine Parodie wirkt, wissen wir nicht. Im Programmheft und in der Einführungsveranstaltung der Deutschen Oper war wiederholt vom angeblich rheinischen Humor des Komponisten die Rede. Ein Rettungsanker für ein Werk, das sich auf dem schmalen Grat zwischen dem Erhabenen und Lächerlichen, zwischen Ernst und Klamauk bewegt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist die Musik dieser vier Stunden ein Höhenflug, der den Vergleich mit Wagner und Skrjabin rechtfertigt? Darüber zu urteilen, fällt mir schwer. Mittelmäßig ist sie nie, und das zeichnet den großen Komponisten Stockhausen, der in den 1950er Jahren die Musik der Nachkriegszeit prägte, auch aus. Er macht keinen Rückzieher, bietet keine Kompromisse an einen gediegenen Publikumsgeschmack, stattdessen driftet er in eine Richtung, die schwer zu fassen ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur auf der Bühne geschehen fürchterlich banale Dinge, auch in der Musik. Bei der Komposition „Orchester-Finalisten“, einer Reihung von Instrumentalsolos, spielt die Posaune eine kleine Kuckucksterz im Glissando auf und ab, dann transponiert Stockhausen diese Terz immer wieder um einen Halbton nach oben, als wäre es eine Einsing-Übung für einen Chor. Was soll ich damit anfangen? Und vor allem: Wie soll ich das mit jenen Stellen in Verbindung bringen, wo die Musik plötzlich aufregend und neu ist? Es war mir nicht möglich, eine Hörhaltung für die gesamte Oper zu finden. Das ist nicht unbedingt ein Mangel, es kann auch eine Aufforderung sein, die eigenen Kriterien zu überdenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es bleibt die Irritation über Stockhausen, der sowohl den Guru gibt als auch den Clown.</p>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Julian Roeder (Deutsche Oper)</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/goetterdaemmerung/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120393</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Können Digitalcomputer denken?</title>
		<link>https://tell-review.de/koennen-digitalcomputer-denken/</link>
					<comments>https://tell-review.de/koennen-digitalcomputer-denken/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2026 08:22:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120375</guid>

					<description><![CDATA[Der Informatiker Alan Turing (1912-1954) setzte sich schon früh mit der Frage auseinander, ob es eine Maschine geben könnte, die das menschliche Gehirn imitiert. In einem Radiovortrag von 1951 bejaht er diese Frage. Wir präsentieren den Text zum ersten Mal in einer deutschen Übersetzung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Vorbemerkung des Übersetzers</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Alan Turing (1912-1954) dürfte dem Publikum primär als Kryptologe bekannt sein, der im Zweiten Weltkrieg den deutschen Enigma-Code knackte. Dass der A. M. Turing Award, der ‚Nobelpreis‘ der Informatik, 1966 nach ihm benannt wurde, kommt nicht von ungefähr: Turing war einer der zentralen Akteure des beginnenden Digitalzeitalters, sowohl mathematisch/theoretisch (Turing-Maschine, Präzisierung des Algorithmus-Begriffs, Berechenbarkeit) wie auch praktisch (Colossus in Bletchley Park, Manchester-Computer).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alan Turings BBC-Radioessay von 1951 ist deswegen so interessant, weil er in populärwissenschaftlicher Form alle Argumente aufruft, die Turing in seinem, für die KI-Forschung so wegweisenden, Essay „Computing Machinery and Intelligence“ (1950) systematisch entwickelt hat. Tatsächlich führt er dort bereits alle Problembereiche an, die die KI-Debatte bis heute bestimmen – vom Intelligenzbegriff und Fragen der <em>philosophy of mind</em> bis hin zu dem Problem, das gerade besonders aktuell ist: Die Frage, ob eine KI irgendwann intelligenter sein wird als wir, so dass wir sie vielleicht „in unterlegener Position halten“ müssen – also das, was wir heute „Regulierung der KI“ nennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Wort noch zu Alan Turings Biografie: Er war schwul. Eine unmenschliche Gesetzgebung trieb ihn, dem England und die Demokratie so viel zu verdanken hat, in die Depression und vermutlich auch in den Suizid. Erst 2013 wurde er rehabilitiert.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading has-text-align-center">Radiovortrag 15. Mai 1951, BBC</h2>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Von Alan Turing</strong><br><em>Aus dem Englischen von Hartmut Finkeldey</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Digitalcomputer werden häufig als mechanische Gehirne beschrieben. Die meisten Wissenschaftler werden diese Sicht wahrscheinlich eher als Zeitungsjargon betrachten, einige andere nicht. Ein Mathematiker brachte den gegenteiligen Standpunkt mir gegenüber sehr nachdrücklich mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Es wird für gewöhnlich gesagt, dass diese Maschinen keine Gehirne sind, aber Sie und ich wissen: Sie sind es.“ In diesem Vortrag werde ich die Konzepte hinter den verschiedenen möglichen Standpunkten vortragen, allerdings nicht immer unparteiisch. Ich werde der Sicht die meiste Aufmerksamkeit geben, die ich selber habe: dass es nicht abwegig ist, Digitalcomputer als Gehirne zu beschreiben. Die andere Position wurde ja schon von Professor Douglas Hartree vorgetragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst denken wir mal an die naive Sicht des Mannes auf der Straße. Er hört Erstaunliches darüber, was diese Maschinen alles machen können. Sie scheinen intellektuelle Fähigkeiten zu haben, zu denen er selbst völlig außerstande wäre. Er kann sich das nur erklären, indem er annimmt, dass diese Maschinen eine Art Gehirn sind, oder er zieht es vor, das, was er gehört hat, einfach nicht zu glauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Wissenschaftler sprechen verächtlich von einer abergläubischen Haltung. Sie wissen einiges über die Prinzipien, nach denen diese Maschinen konstruiert sind, und darüber, wie sie genutzt werden. Ihre Sichtweise wurde von Lady Lovelace vor über hundert Jahren gut&nbsp; zusammengefasst, als sie sich über Charles Babbages Analytical Engine äußerte. Sie sagte, wie Hartree zitiert: „Die Analytical Engine hat keinen wie immer gearteten Anspruch, irgendetwas zu erschaffen. Sie kann alles tun, wozu wir sie mit unserem Wissen anweisen können.“ Dies beschreibt sehr gut, wie Digitalcomputer derzeit und wie sie vermutlich noch viele Jahre überwiegend genutzt werden. Jede einzelne Berechnung, die die Maschine vollzieht, wurde im Voraus von einem Mathematiker geplant. Je weniger Zweifel es darüber gibt, was passieren wird, desto mehr freut es den Mathematiker. Es ist, als wenn man eine militärische Operation plant. Dies vorausgesetzt kann man wirklich sagen, dass die Maschine nichts erschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt nun einen dritten Standpunkt, und den vertrete ich selbst: Ich stimme Lady Lovelaces Diktum soweit zu, soweit es reicht, aber ich glaube, dass dessen Validität eher darin besteht, wie Digitalcomputer derzeit [de facto] benutzt werden, als darin, wie sie benutzt werden könnten. Tatsächlich glaube ich, dass man sie so nutzen könnte, dass sie angemessen als Gehirn zu beschreiben sind. Ich könnte auch sagen: „Wenn irgend eine Maschine angemessen als Gehirn beschrieben werden kann, dann kann jeder Digitalcomputer als solches beschrieben werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzte These erfordert Einiges an Erklärung. Es mag ziemlich verwundern, aber mit einigen Einschränkungen erweist sie sich als nicht zu hintergehende Tatsache. Es zeigt sich, dass sie aus der charakteristischen Eigenschaft von Digitalcomputern folgt, die ich ihre Universalität (universality) nenne. Ein Digitalcomputer ist eine universelle Maschine in dem Sinn, dass sie eine sehr große Klasse von Maschinen ersetzen kann. Er wird keinen Bulldozer, keine Dampfmaschine, kein Teleskop ersetzen, aber er wird jedes konkurrierende Rechenmaschinendesign ersetzen, also jede Maschine, die man mit Daten füttern kann und die dann später Ergebnisse ausgeben wird. Um zu bewerkstelligen, dass unser Computer die betreffende Maschine imitiert, ist es nur notwendig, den Computer so zu programmieren, dass er berechnet, was die betreffende Maschine unter gegebenen Umständen tun würde – und insbesondere, welche Antworten sie ausgeben würde. Der Computer würde dann die gleichen Antworten ausgeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn nun bestimmte Maschinen als Gehirne beschrieben werden können, muss unser Digitalcomputer nur programmiert werden, sie zu imitieren, und er wäre ebenfalls ein Gehirn. Wenn wir akzeptieren, dass reale Gehirne, wie wir sie in Tieren und speziell im Menschen vorfinden, in gewisser Weise Maschinen sind, dann heißt das, dass unser Digitalcomputer, wenn angemessen programmiert, sich verhalten wird wie ein Gehirn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies Argument enthält mehrere Annahmen, die man aus guten Gründen angreifen kann. Ich hatte schon gesagt, dass die Maschine, die imitiert werden soll, eher wie eine Rechenmaschine als wie ein Bulldozer sein muss. Dies spiegelt lediglich die Tatsache, dass wir von mechanischen Analogien zu Gehirnen sprechen und nicht zu Füßen oder Kiefern. Es war auch notwendig, dass diese Maschine von der Art sein sollte, deren Verhalten im Prinzip durch Berechnung vorhersagbar ist. Wir wissen sicherlich nicht, wie eine solche Berechnung genau durchgeführt werden müsste, und Sir Arthur Eddington hat sogar argumentiert, dass nach dem Unbestimmtheitsprinzip der Quantenmechanik eine solche Berechnung nicht einmal theoretisch möglich wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Annahme war die, dass die Speicherkapazität des benutzten Computers ausreichend sein müsste, um voraussagen zu können, wie sich die Maschine verhalten wird, die imitiert werden soll. Er sollte auch ausreichend schnell sein. Unsere gegenwärtigen Computer haben wahrscheinlich keine ausreichende Speicherkapazität, obwohl sie genug Geschwindigkeit haben dürften. Das bedeutet im Grunde, dass wir, wenn wir etwas so kompliziertes wie das menschliche Hirn imitieren wollen, eine Maschine benötigen, die deutlich größer ist als alle, die wir derzeit haben. Wir brauchen sicherlich etwas, was mindestens einhundertmal so groß ist wie der Manchester-Computer. Ersatzweise würde natürlich auch eine Maschine von gleicher Größe oder sogar kleiner genügen, wenn wir einen befriedigenden Fortschritt bei der Speicherung von Information erreichen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man sollte anmerken, dass ein Zuwachs an Komplexität der benutzten Computer nicht erforderlich ist. Wenn wir versuchen, komplexere Maschinen und Gehirne zu imitieren, benötigen wir immer größere Computer dafür. Wir benötigen aber keine immer komplizierteren. Das klingt paradox, aber die Erklärung dafür ist nicht schwer. Die Imitation einer Maschine durch einen Computer erfordert es nicht nur, dass wir den Computer gebaut, sondern auch, dass wir ihn angemessen programmiert haben. Je komplexer die Maschine, die wir imitieren wollen, desto komplexer muss das Programm sein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann man sich mithilfe eines Beispiels klarmachen. Nehmen wir an, zwei Personen wollen ihre Autobiografie schreiben. Die eine hatte ein ereignisreiches Leben, der anderen ist wenig widerfahren. Es gäbe dann zwei Schwierigkeiten, die für die Person mit dem ereignisreicheren Leben schwerer zu lösen wären als für den anderen. Er würde mehr Papier benötigen, und er müsste intensiver darüber nachdenken, was zu erzählen sei. Die Zufuhr von Papier wäre kein großes Problem, wenn er sich nicht gerade zum Beispiel auf einer einsamen Insel befände, und immer wäre es nur ein technisches oder finanzielles Problem. Das andere Problem wäre fundamentaler und würde sich noch verstärken, wenn er nicht sein eigenes Leben beschriebe, sondern ein Werk verfassen würde über ein Thema, von dem er nichts weiß – sagen wir über das Familienleben auf dem Mars. Unser Problem, einen Computer so zu programmieren, dass er sich verhielte wie ein menschliches Gehirn, wäre wie ein Versuch, einen solchen Bericht auf einer einsamen Insel zu schreiben. Wir haben nicht die Speicherkapazität, die nötig wäre, in anderen Worten: Wir hätten nicht genug Papier – und wir wüssten allemal nicht, was wir zu schreiben hätten, wenn wir es hätten. Das ist ein trauriger Zustand, aber, um den Vergleich fortzusetzen, es ist schon einiges gewonnen, wenn man weiß, wie man schreibt, und sich klarmacht, dass das meiste Wissen in Büchern gesammelt werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bedenkt man dies, scheint das plausibelste Argument, mit dem man die Beschreibung von Digitalcomputern als mechanische oder Elektronengehirne kritisieren kann, dieses zu sein: Auch wenn man sie programmieren könnte, sich wie ein menschliches Hirn zu verhalten, wissen wir derzeit nicht, wie das zu bewerkstelligen wäre. Dieser Ansicht stimme ich völlig zu.&nbsp;Sie lässt die Frage offen, ob es uns letztlich gelingt, ein solches Programm zu finden oder nicht. Ich persönlich bin geneigt zu glauben, dass man ein solches Programm findet. Ich denke zum Beispiel, dass es gegen Ende des Jahrhunderts möglich sein wird, eine Maschine so zu programmieren, dass sie Fragen beantworten kann und es extrem schwierig sein wird, zu entscheiden, ob die betreffenden Antworten von einer Maschine oder einem Menschen kommen. Ich kann mir dabei eine mündliche Befragung vorstellen, aber alle Fragen und Antworten maschinengeschrieben, damit wir uns nicht um irrelevante Dinge kümmern müssen, wie etwa die Frage, wie authentisch die menschliche Stimme nachgeahmt werden kann. Dies stellt nur meine Meinung dar; es gibt genug Platz für andere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt noch weitere Schwierigkeiten. Sich verhalten wie ein Gehirn, scheint zu heißen, einen freien Willen zu haben, aber das Verhalten eines Digitalcomputers ist, wenn er einmal programmiert wurde, vollständig determiniert. Diese beiden Fakten müssen irgendwie in Einklang gebracht werden, aber dieser Versuch verstrickt uns in eine sehr alte Kontroverse: die zwischen freiem Willen und Determinismus. Es gibt zwei Lösungen: Es kann sein, dass unser Gefühl, einen freien Willen zu haben, eine Illusion ist. Oder wir haben wirklich einen freien Willen, aber es gibt keinen Weg, ihn in unserem Verhalten nachzuweisen. Im letzteren Fall gälte: Wie gut auch immer eine Maschinen menschliches Verhalten imitiert – es müsste als bloßer Schein betrachtet werden. Ich weiß nicht, ob wir jemals eine Entscheidung zwischen diesen beiden Alternativen treffen können, aber welche auch immer korrekt wäre – eine Maschine, die das Gehirn imitiert, müsste allemal so tun, als hätte sie einen freien Willen, und es ist sinnvoll, sich zu fragen, wie man das wohl erreichen mag. Eine Möglichkeit wäre die, dass ihr Verhalten von so etwas wie einem Roulette-Rad oder einem Radiumvorrat abhängt. Das Verhalten dieser Dinge mag vielleicht vorhersagbar sein, aber wenn, dann wissen wir nicht, wie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch immer, es ist nicht einmal nötig, dergleichen zu tun. Es ist nicht schwierig, Maschinen zu konstruieren, deren Verhalten einigermaßen zufällig wirkt auf jeden, der die Details ihrer Konstruktion nicht kennt. Natürlich löst das Einbeziehen eines Zufallselements, wie immer es gestaltet ist, unser wichtigstes Problem nicht, nämlich wie man eine Maschine programmieren müsste, um ein Gehirn zu imitieren, oder (kürzer gesagt, nicht exakter) um zu denken. Aber es gibt uns Hinweise darauf, wie der Prozess aussehen könnte. Wir müssen nicht immer genau wissen, was der Computer tun wird. Wir sollten uns freuen, wenn die Maschine uns überrascht, und zwar so, wie jemand erfreut ist, wenn ein Schüler etwas tut, was ihm nicht explizit beigebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lassen Sie uns nun zu Lady Lovelace’ Diktum zurückkehren: „Die Maschine kann alles tun, wozu wir sie anzuweisen wissen.“ Im weiteren Verlauf der Passage wird man dann versucht sein, zu glauben, dass die Maschine nur das tun kann, zu dem wir sie anzuweisen wissen. Aber ich denke, dass das nicht zutrifft. Sicherlich kann die Maschine nur das tun, zu dem wir sie anweisen, alles andere wäre ein mechanischer Fehler. Aber es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass wir, wenn wir unsere Anweisungen geben, auch wissen, was wir tun und was die Konsequenzen unserer Anweisungen sein werden. Man muss nicht in der Lage sein, zu verstehen, wie diese Anweisungen zu dem darauf folgenden Verhalten der Maschine führen, sowenig wie jemand verstehen muss, wie die Mechanismen der Keimung funktionieren, wenn er einen Samen in den Boden pflanzt. Die Pflanze wächst, ob jemand nun versteht, warum sie das tut, oder nicht. Wenn wir die Maschine programmieren und sie tut etwas Interessantes, was wir so nicht vorhergesehen haben, wäre ich geneigt zu sagen dass die Maschine etwas Neues geschaffen hat; eher, als zu sagen, dass dieses Verhalten implizit im Programm enthalten sei und die Originalität bei uns läge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich werde nicht versuchen; viel darüber zu sagen, wie man es anstellt, ‚eine Maschine so zu programmieren, dass sie denkt‘. Tatsache ist, dass wir nur wenig darüber wissen und bis jetzt nur wenig Forschung dazu stattfand. Es gibt reichlich Ideen, aber wir wissen bis jetzt nicht, welche davon von Wichtigkeit sind. Wie im Kriminalroman kann zu Beginn jede Kleinigkeit für den Ermittler von Wichtigkeit sein. Wenn der Fall gelöst ist, müssen der Jury lediglich die wesentlichen Fakten präsentiert werden. Aber derzeit haben wir nichts, was wir der Jury präsentieren könnten. Ich möchte an dieser Stelle nur soviel sagen, dass ich glaube, dass der Prozess eng verwandt sein dürfte mit dem des Lernens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe versucht, zu erklären, was die wesentlichen Argumente sind für und gegen die Theorie, dass man eine Maschine dazu bringen kann, zu denken, aber Einiges sollte man auch sagen über die irrationalen Argumente. Viele widersetzen sich extrem der Idee von einer Maschine, die denkt, aber nicht, so glaube ich, aus irgendwelchen Gründen, die ich genannt habe oder aus sonstigen rationalen Gründen, sondern einfach, weil sie die Idee nicht mögen. Man kann viele Dinge finden, die sie unangenehm macht. Wenn eine Maschine denkt, könnte sie intelligenter denken als wir, und wo blieben dann wir? Selbst wenn wir die Maschine in unterlegener Position halten könnten, zum Beispiel indem wir sie in strategisch wichtigen Momenten ausschalten, sollten wir, als Spezies, uns zutiefst gedemütigt fühlen. Die gleiche Gefahr und Demütigung würde uns von der Möglichkeit drohen, vom Schwein oder von der Ratte übertroffen zu werden. Die theoretische Möglichkeit dazu dürfte kaum strittig sein, aber wir haben so lange mit Schweinen und Ratten gelebt, ohne dass deren Intelligenz großartig zunahm, dass wir uns kaum beunruhigen über diese Möglichkeit. Wir fühlen, dass, wenn dies geschehen sollte, es Millionen Jahre dauern würde. Aber die neue Gefahr ist viel näher. Wenn es denn kommt, kommt es ziemlich sicher im nächsten Jahrhundert. Es ist noch fern, aber nicht astronomisch fern, und es ist sicherlich etwas, was uns Angst machen könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist üblich, in einem Artikel oder Gespräch über diesen Gegenstand einen kleinen Trost anzubieten in Form eines Statements, dass einige bestimmte menschliche Eigenschaften niemals von einer Maschine imitiert werden können. Man könnte zum Beispiel sagen, dass eine Maschine nie gutes Deutsch schreiben wird, oder dass sie nie auf sexuelle Attraktivität reagiert oder Pfeife raucht. Ich kann einen solchen Trost nicht anbieten, denn ich glaube, dass solche Grenzen nicht existieren. Aber ich glaube und hoffe stark, dass keine großen Anstrengungen unternommen werden, Maschinen zu bauen, die spezifisch menschliche, jedoch nicht geistige Eigenschaften wie etwa seinen Körperbau realisieren. Es schiene mir doch recht zwecklos, solche Versuche zu unternehmen, ihr Resultat hätte etwas Unangenehmes wie bei künstlichen Blumen. Versuche, eine denkende Maschine zu erstellen, scheinen mir einer anderen Kategorie anzugehören. Der ganze Denkprozess ist immer noch mysteriös für uns, doch ich glaube, dass der Versuch, eine denkende Maschine zu bauen, uns viel dabei hilft, herauszufinden, wie wir selber denken.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Quelle des Originaltexts</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Copeland, Jack (editor): The Essential Turing. The ideas that gave birth to the computer age. Oxford, Clarendon Press/Oxford University Press, 2004, Seiten 482 &#8211; 486.</p>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: A Colossus Mark 2 codebreaking computer being operated by Dorothy Du Boisson (left) and Elsie Booker (right), 1943 (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Colossus.jpg" data-type="link" data-id="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Colossus.jpg">Wikimedia</a>)</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/koennen-digitalcomputer-denken/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120375</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Page-99-Test Tony Tulathimutte</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-tony-tulathimutte/</link>
					<comments>https://tell-review.de/page-99-test-tony-tulathimutte/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 06:34:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120360</guid>

					<description><![CDATA[Tony Tulathimuttes „Fiasko. Fiktionen“ wird als (Männer-)Buch der Stunde gehypt. Stilistisch wirkt die Seite 99 seltsam schlampig.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nachdem ich gestern angesichts der Seite 99 von <a href="https://tell-review.de/page-99-test-caroline-wahl/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Caroline Wahls Roman „1999 Meter über dem Meer“</a> einigermaßen ratlos die Achseln gezuckt habe, versuche ich es heute mit einem weiteren aktuell gehypten Band. Der <a href="https://www.spiegel.de/kultur/literatur/prosa-von-tony-tulathimutte-verstoerende-antwort-auf-das-digitale-begehren-a-3767aa4b-1c31-4884-88aa-31c286caf45f">Spiegel</a> bezeichnet Tony Tulathimuttes Erzählband <em>Fiasko: Fiktionen</em> als „Buch des Jahrtausends“, die <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/maennerliteratur-empfehlung-tony-tulathimutte-clemens-setz-storys-fiasko-noiseband-kritik-buchempfehlungen-li.3529804?reduced=true">Süddeutsche Zeitung</a> konstatiert schon im Titel: „Das ist die Männerliteratur, die es jetzt braucht“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Tony Tulathimuttes <em>Fiasko: Fiktionen</em> handelt es sich um einen Prosaband in sieben Erzählungen, eine Übersetzung aus dem Englischen. Neben dem Fließtext gibt es Dialoge in Form von Gruppenchats, Social Media-Posts etc.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Seite-99-Tulathimutte.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> ist eine Seite mit Fließtext. Es geht um eine Frau, die von allen im Stich gelassen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite beginnt mit einer Aufzählung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">jeder Applaus fürs selbst geschriebene Gelübde<br>jede Baby-Shower<br>jeder handgestrickte Strampler<br>jedes Trinkgeld für den Geburtstagszauberer<br>jede Taufe, die feierlich ernst abgesessen werden muss</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht weiter mit den Folgen der abgestotterten Freundespflichten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">all das reibt unwiederbringlich eine dünne Schicht nach der anderen von ihrem Geduldsschmelz ab.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Lässt man die Adjektive weg, geht der Satz so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">all das reibt eine Schicht nach der anderen von ihrem Geduldsschmelz ab.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ziemlich viel sprachlicher Aufwand, um zu sagen, dass diese Frau keine Lust mehr auf die Erwartungen der anderen hat. (Ob man „Geduldsschmelz“ für eine geglückte Wortfindung hält, ist Geschmackssache.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter im Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie absagen würde, stünde sie geizig und wie eine schlechte Freundin da.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Doppelungen sind stilistisch immer schwach, auch funktioniert die Wendung „stünde sie geizig da“ nicht ganz. Der Satz holpert in der Fortsetzung auch syntaktisch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">aber immer wenn sie die anderen zu etwas eingeladen hat, das ihr wichtig war, meist zwanglose Geburtstagspartys in irgendeiner Bar, mussten sie sich angeblich um Partner oder Kind kümmern – eine unanfechtbare Entschuldigung.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist, als wäre das Sprachgewand zu groß für das, was es bekleiden soll: Die Entschuldigung ist „unanfechtbar“ – ein Adjektiv, das fast nur aus Vor- und Endsilben besteht (un-, an-, -bar) und damit alle Energie verliert. Abgesehen davon scheint mir der Satz auch inhaltlich nicht ganz stringent zu sein: „etwas, was ihr wichtig war“ stellt sich dann nur als „zwanglose Geburtstagspartys in irgendeiner Bar“ heraus.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Satz würde nichts verlieren, wenn es einfach hieße:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">aber immer, wenn sie die anderen eingeladen hat, mussten sie sich angeblich um Partner oder Kind kümmern.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Literatur ist die Kunst der Lücke. Die Wörter brauchen einen Resonanzraum, um Wirkung zu entfalten, doch hier wird alles zugetextet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Figur, der wir auf dieser Seite begegnen, ist unglücklich.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal kommt die Einsamkeit in so heftigen Wogen, dass ihre Hände ganz schwach werden (…)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Gefühle sich wie Flüssigkeiten verhalten und einen in Wogen überschwemmen, gehört zur traditionellen Metaphorik. Dass allerdings als logische Folge davon die Hände „ganz schwach werden“, wirkt ein wenig beliebig.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Neuerdings hat sie dauernd blaue Flecken an den Beinen, weil ihr die Lust vergangen ist, ihren Körper durch die Welt zu manövrieren, und sie entsprechend plump herumstolpert.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dies ein Satz, bei dem die Wörter nicht recht zu dem passen, was ausgedrückt werden soll. Ihr ist „die Lust vergangen“, ihren Körper „durch die Welt zu manövrieren“ – geht es vielleicht auch ein bisschen kleiner? Den letzten Satzteil („und sie entsprechend plump herumstolpert“) hätte man weglassen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Zeilen weiter unten heißt es:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es reizt sie nicht mehr, aus dem Haus zu gehen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Haus zu gehen, ist nichts, wozu es einen „reizen“ muss, es ist ja kein Theaterbesuch, sondern etwas ganz Alltägliches. Außerdem wurde uns das bereits am Anfang des Absatzes mitgeteilt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Monate lang ist sie wie erstarrt und verlässt außer zum Arbeiten kaum das Haus.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dieser Seite passt nichts so recht zusammen, es scheint nachlässig, vielleicht gar hastig geschrieben. Wie viel davon auf das Konto der Übersetzer:innen geht, ist schwer zu sagen. Auf dem Cover werden drei Namen genannt – ein Hinweis darauf, dass der Verlag es eilig hatte.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Tony Tulathimutte<br><strong>Fiasko </strong><br>Fiktionen<br>Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel, Jan Schönherr<br>dtv 2026 · 384 Seiten · 26 Euro<br>ISBN: 978-3423285773</p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="634" height="1030" data-attachment-id="120361" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-tony-tulathimutte/cover-40/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?fit=923%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="923,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?fit=634%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=634%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120361" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=634%2C1030&amp;ssl=1 634w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=185%2C300&amp;ssl=1 185w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=768%2C1248&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?resize=300%2C488&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover-1.jpg?w=923&amp;ssl=1 923w" sizes="(max-width: 634px) 100vw, 634px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/page-99-test-tony-tulathimutte/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120360</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Page-99-Test Caroline Wahl</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-caroline-wahl/</link>
					<comments>https://tell-review.de/page-99-test-caroline-wahl/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2026 07:06:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120349</guid>

					<description><![CDATA[Die Stichprobe zu Caroline Wahls Roman "1999 Meter über dem Meer" fällt kurz aus: Über diese Seite gibt es fast nichts zu sagen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wie kann man sich das Phänomen Caroline Wahl erklären? Jedenfalls nicht mit einer Stilanalyse. Zum ersten Mal, seit ich den Page-99-Test praktiziere, fällt mir zu einer Seite nichts ein.<br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich könnte auf dieser <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/S.-99-Caroline-Wahl.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> höchstens ein bisschen über eine Marotte im Dialog mosern:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Hausärztin: Ich schreibe Sie jetzt erstmal für zwei Wochen krank.<br>…<br>Ich: Aber wenn sie mich kündigt?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Name der Sprecherin plus Doppelpunkt &#8211; weniger elegant können Dialoge nicht dargestellt werden. Dieses Prinzip wird auf der ganzen Seite durchgehalten, insgesamt sechs Mal. Andere Romane kommen mit einem Gedankenstrich aus, und oft fehlt jeder Hinweis. Wer spricht, ergibt sich aus dem Kontext, bzw. der Autor mutet der Leserin zu, dass sie mitarbeitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter gibt es nichts, was mir auf dieser Seite auffällt. Es werden nur Alltagsdinge vermerkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<ul class="wp-block-list">
<li>Lächelnd trete ich aus der Praxis (…)</li>



<li>Sabine ruft sofort an, ich gehe nicht ran.</li>



<li>So, jetzt noch das Gespräch mit Luca, und dann kann ich hier weg.</li>



<li>Ich packe gerade meinen Koffer, als sie im Wohnungsflur rumrumpelt.</li>



<li>Sie schaut auf den Koffer neben mir, ich mache mit dem Kopf eine Bewegung Richtung Küche.</li>
</ul>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So plätschert der Text vor sich hin – „rumrumpelt“ ist auf dieser Seite das einzige Wort, das einen bestimmten Geschmack hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Literatur hat alles eine doppelte und dreifache Bedeutung“, heißt es bei Peter von Matt. In diesem Sinn handelt es sich bei dieser Seite 99 nicht um Literatur. Iris Radisch hat vor vielen Jahren einmal über ein Buch gesagt, es gebe darin keinen Satz, der „vom bewährten Durchschnittsdeutsch“ abweiche. Wenn die Seite 99 nicht trügt, dürfte das auch für dieses Buch gelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Text hat nichts zu sagen – und das tut er in einer eigenschaftslosen Sprache. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht muss man auch das erst einmal schaffen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Aber warum will das irgendjemand lesen?)</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Caroline Wahl<br><strong>1999 Meter über dem Meer</strong><br>Roman<br>Rowohlt 2026 · 352 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3498007713</p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="631" height="1030" data-attachment-id="120358" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-caroline-wahl/cover-39/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?fit=919%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="919,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?fit=631%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=631%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120358" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=631%2C1030&amp;ssl=1 631w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=768%2C1254&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?resize=300%2C490&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/09/Cover.jpg?w=919&amp;ssl=1 919w" sizes="(max-width: 631px) 100vw, 631px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/page-99-test-caroline-wahl/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>4</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120349</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Thomas Mann 1949</title>
		<link>https://tell-review.de/thomas-mann-1949/</link>
					<comments>https://tell-review.de/thomas-mann-1949/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2026 13:52:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120330</guid>

					<description><![CDATA[Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski weicht in seinem Thomas-Mann-Film „Vaterland“ von den historischen Fakten ab. Wir bringen eine Rückbesinnung auf Thomas Manns tatsächlichen Deutschlandbesuch von 1949, der geprägt war von privaten wie politischen Konflikten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Im Thomas-Mann-Jubiläumsjahr 2025 wurde unter anderem auf Manns politische Entwicklung hingewiesen. Hierbei fokussierten viele vor allem auf sein politisches Verhalten zu Zeiten des Faschismus: die klare Kante gegen Hitler. Dem war eine Wandlung vom ehemals undemokratischen Kaisertreuen vorausgegangen – ein Schritt, den nach der desolaten Niederlage nicht viele der kaisertreuen Konservativen gehen konnten oder wollten. Und so wurde Manns Verhalten sehr zu Recht als Vorbild gelesen, vor allem in Kombination mit seinen sehr frühen Warnungen vor Hitler und seiner Empfehlung an das deutsche Bürgertum, den Schulterschluss mit den Sozialdemokraten zu wagen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Rauswurf aus Deutschland</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Februar 1933 geht Thomas Mann mit seiner Familie außer Landes, lebt in einem Interregnum und wird schließlich 1936 ausgebürgert. Innerlich hat er den Rauswurf aus dem Kulturraum, dem er sich als Schriftsteller zugehörig fühlte, nie ganz überwunden. Im amerikanischen Exil kamen dann seine berühmt gewordenen Worte: „Wo ich bin, ist Deutschland!“ Aber das Deutschland, das ihn geprägt hatte, gab es nach 1945 nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus diesem geschlagenen und moralisch darniederliegenden Deutschland meldete sich unmittelbar nach Kriegsende ein alter Bekannter, Walter von Molo, und forderte Thomas Mann in einem offenen Brief zur Rückkehr nach Deutschland auf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem berühmten Antwortbrief schreibt Mann über sein Verhältnis zu Deutschland dann allerdings: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich fremde. </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Er hebt seine amerikanische Staatsbürgerschaft hervor, betont, wie gut das Land es mit ihm gemeint hat. Aber er schließt auch mit den Worten: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Der Traum, den Boden des alten Kontinents noch einmal unter meinen Füßen zu fühlen, ist, der großen Verwöhnung zum Trotz, die Amerika heißt, weder meinen Tagen, noch meinen Nächten fremd, und wenn die Stunde kommt, (…) so will ich hinüberfahren.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Goethe-Jubiläumsjahr 1949 war es dann so weit. Der seiner Heimat entfremdete Autor fuhr nach Deutschland, im Gepäck nicht seine Rede „Goethe und die Demokratie“, die er in der ganzen Welt gehalten hat, sondern eine Rede, eigens für die Deutschen geschrieben: „Ansprache im Goethejahr“. In ihr setzte er sich mit dieser Entfremdung und den Differenzen mit der sogenannten Inneren Emigration auseinander.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Besuch in Deutschland</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Hintergrund für den Film „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski..</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrlich ein Filmstoff. Freilich erlaubt sich Pawlikowski hierbei mit den Fakten einige Freiheiten. Denn er erzählt Manns Reise im Goethejahr 1949, die ihn nach Frankfurt am Main und nach Weimar führen wird – also in beide Goethestädte und damit in beide sich gerade konstituierende deutsche Teilstaaten – ein wenig verfremdet. Im Film lässt Pawlikowski Thomas Mann mit seiner Tochter Erika zu beiden Goetheehrungen fahren. In Wahrheit ist Erika jedoch seinerzeit nicht mitgefahren. Sie lehnte 1949 noch jeden Besuch in dem Land ab, das wenige Jahre zuvor der gesamten Familie nach dem Leben getrachtet hatte. Auch ein „letztes“ Telefonat mit dem suizidalen Bruder Klaus ist so nicht überliefert, zudem starb Klaus Mann bereits im Mai, als das Ehepaar Mann zusammen mit Erika noch in Stockholm weilte. Ob der Film dennoch oder gar gerade deswegen funktioniert, darüber später mehr. Zunächst betrachte ich die Tatsachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Frage, ob Deutschland nach dem Krieg zu meiden sei oder nicht, gab es bei den Manns einen jahrelang schwelenden Familienstreit. Während des Europabesuchs 1947 hatte Erika Mann, die strikt gegen einen Besuch bei den „unverbesserlichen Nazis“ war, diesen Besuch noch verhindern können. Doch 1949 war der Magnet Goethe für Thomas Mann zu stark.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Konfliktlinien – persönliche, politisch-kulturelle, familiäre – waren abgesteckt und eigentlich schon komplex genug. Dazu kam die politische Entwicklung. Die USA, vormals von Mann noch in den höchsten Tönen gelobt, veränderten sich aufgrund des Kalten Krieges innenpolitisch. Dieser kalte Krieg, und mit ihm die Teilung Europas sowie Deutschlands, machten die Sache kompliziert: Welches Deutschland sollte es denn sein? Es wird sich zeigen, dass Thomas Manns politische Moral gerade bei dieser Frage ins Schlingern kommt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem vielfachen Hin und Her trifft Mann eine Entscheidung: Er möchte in beide Goethestädte fahren, denn er kenne „keine Zonen“. Und doch ist ihm nicht wohl dabei. Vor seiner Abfahrt nach Frankfurt am Main schreibt er in sein Tagebuch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Gefühl, als ob es in den Krieg ginge.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In Frankfurt stellt er sich dann </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">den Freunden, um sie nicht im Stich zu lassen, den Feinden, um den Anschein zu meiden, als verberge ich mich vor ihnen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Mann als Brückenbauer?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Osten Deutschlands haben Stalin und sein Statthalter Walter Ulbricht bereits für klare sozialistische Verhältnisse gesorgt. Bürgerliche Freiheit ist hinter der Elbe nicht gegeben. Und im Konzentrationslager Buchenwald, keine zehn Kilometer von Weimar entfernt, sind nunmehr Gegner des neuen Regimes eingesperrt. Im Westen fragten viele, was Thomas Mann, nach seinem Engagement gegen die aus dem Bürgertum entstandene faschistische Unfreiheit, wohl zu dieser neuen Unfreiheit sagen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dazu gab es innerfamiliäre Konflikte. Erika, als einflussreiche „Hofnärrin“, wie Golo Mann die Rolle seiner Schwester im letzten Lebensjahrzehnt des Vater bezeichnete, war eine harte Kritikerin des McCarthy-Antikommunismus in den USA, der zu wahren Hexenjagden auf kritische Intellektuelle geführt hatte. Auch Thomas Mann erlebt diese veränderte Stimmung. Das ist zunächst keine günstige Großwetterlage, um den Kommunismus zu kritisieren, ohne dabei Applaus von der falschen Seite zu riskieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann fährt zuerst nach Frankfurt, danach lässt er sich für seine Rede auch in Weimar feiern und sogar zum Ehrenbürger ernennen. Das Preisgeld des neu gestifteten Goethepreises stiftet er seinerseits für die Restaurierung der Herderkirche in Weimar. Er versteht sich als Brückenbauer in einer Welt der atomaren Bedrohung, allerdings sieht er dabei vor allem die USA als Aggressor. Mit Kritik am Staatssozialismus hält er sich zurück.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kritik an zögerlicher Haltung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann wird Mann mit einer fundamentalen Kritik an seinem zögerlichen und passiven Verhalten in Weimar konfrontiert. Sie kommt keineswegs nur von Hardlinern wie seinem amerikanischen Gegner, dem Journalisten Eugene Tillinger. Die prägnanteste Kritik schreibt niemand anders als der ehemalige Buchenwald-Häftling Eugen Kogon. Und zwar erneut in Form eines offenen Briefs, in dem er Thomas Mann auffordert, das Lager Buchenwald zu besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kogon nimmt auf Thomas Manns Ansprache im Goethejahr Bezug, in der dieser kundtat, sich „der Freundschaft“ und „dem Hass“ zu „stellen“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nun also, sollten Sie in Weimar sprechen, so stellen Sie sich der Freundschaft und dem Hass von 12&#8217;000 politischen Gefangenen im bloß acht Kilometer entfernt gelegenen Konzentrationslager Buchenwald.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Schon einmal haben die in Buchenwald Inhaftierten zur Kenntnis nehmen müssen, wie nur acht Kilometer weiter deutsche Dichter Goethe feierten.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Kogon meint das Dichtertreffen 1942 in Weimar.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wollen Sie, Thomas Mann, heute eine gleiche Konstellation heraufbeschwören?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In einem weiteren offenen Brief, in der schweizerischen Zeitung „Volksrecht“, fragt der schwedisch-baltische Journalist Paul Olberg, wie Thomas Mann, der „mit so unerbittlicher Schärfe den Kampf gegen Gewalt und Terror geführt hat, die Einladung eines Regimes annehmen konnte, das in nicht minder brutaler Weise Freiheit und Humanität mit Füßen tritt“ .</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Auf diesen Brief reagiert Thomas Mann am 27. August 1949 öffentlich:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie schreiben viel von politischen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechten, die in den Westzonen Deutschlands dem Volke gewährt sind – und scheinen ganz dabei zu vergessen, was Sie vorher über den Gebrauch gesagt haben, der meistens von diesen Gaben gemacht wird. Es ist ein unverschämter Gebrauch. Der autoritäre Volksstaat hat seine schaurigen Seiten. <em>Die </em>Wohltat bringt er mit sich, dass Dummheit und Frechheit, endlich einmal, darin das Maul zu halten haben.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Später schrieb er dann in einem Brief an Agnes E. Meyer, Miteigentümerin und Mitherausgeberin der Washington Post sowie eine wichtige Unterstützerin Manns: Dieser Satz, der die Zensur zu einer Wohltat verklärt, sei in seiner „vollkommenen Unnötigkeit ein wirklich dummer Streich.“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Satz war in der Welt. Überhaupt atmet der gesamte Brief an Olberg den Geist des geblendeten Narren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Über den „schaurigen Volksstaat“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Genau die Argumente gegen den „schaurigen“ Volksstaat, die Thomas Mann zwar nennt, aber zugleich zu entkräften versucht, entsprachen der auch damals schon erkennbaren Realität. Mann räumt in seiner Antwort selbst ein: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Man hat leicht sagen: „Die wollen den Geist nur vorspannen, nur ausnützen, sich nur mit ihm schmücken.“ Es ist doch ernster.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar ist Thomas Mann kein Kommunist, und er weist im offenen Brief an Olberg auch noch einmal auf die Probleme der Freiheit im „schaurigen Volksstaat“ hin:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Unter den kommunistischen Offiziosen der deutschen Ostzone fehlt es gewiß nicht an subalternen, streberischen und gewaltlüsternen Tyrannen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Doch schon im nächsten Satz heißt es:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Aber ich habe in Gesichter geblickt, denen ein angestrengt guter Wille und reiner Idealismus an der Stirn geschrieben steht, Gesichter von Menschen, die achtzehn Stunden täglich arbeiten und sich aufopfern, um zur Wirklichkeit zu machen, was ihnen Wahrheit dünkt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Idealisten hat es in der beginnenden DDR mit Sicherheit gegeben. Aber rechtfertigt dieser Idealismus die Tatsache der politischen Gefangenen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Brief an Walter Ulbricht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über politische Gefangene in der nunmehr existierenden DDR gab es von Thomas Mann zwei Jahre lang kein Wort. Immerhin scheint er auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, um „Versäumtes“ nachzuholen, so jedenfalls schreibt es Inge Jens 1993 in ihrem Essay über einen Brief von Thomas Mann an Walter Ulbricht aus dem Jahr 1951. Diese „Gelegenheit“ waren Schauprozesse in der sächsischen Stadt Waldheim, in denen Insassen sowjetischer Lager von den Gerichten der DDR summarisch abgeurteilt wurden. Daran, dass es sich hierbei um politische Strafprozesse gehandelt hat, war auch nach damaliger Informationslage nicht zu zweifeln. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann hatte schon einmal versucht, über Johannes R. Becher einem inhaftierten Buchhändler zu helfen. Dieser Versuch allerdings war fehlgeschlagen. Deswegen wandte er sich diesmal gleich an Walter Ulbricht. (Kursiv sind die Passagen, die Ulbricht im Original angestrichen hatte.)</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Der Kommunismus hat – das ist die Wahrheit – <em>mit dem Faschismus die totalitäre Staatsidee gemeinsam, </em>aber er will doch wahrhaben, und wir möchten es mit ihm wahrhaben, dass sein Totalitarismus sich von dem faschistischen himmelweit unterscheidet, einen ganz anderen ideologischen Hintergrund, ganz andere Beziehungen zum Menschheitsgedanken hat, und darum sollte er Sorge tragen, jede Möglichkeit der Gleichsetzung und geflissentliche Verwechslung auszuschließen, sollte (…) <em>Kruditäten und formlose Grausamkeiten meiden, die ihn äußerlich, für das Auge, aber das heißt: praktisch auf das Niveau des Faschismus herabsetzen.</em></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einer genialen Wendung bittet er schließlich Walter Ulbricht um Gnade für die politischen Gefangenen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Darum bittet, das rät Ihnen ein alter Mann, in dessen Denken und Dichten die Idee der Gnade längst hineinwirkt. Das deutsche Wort ‚gnadenlos‘ hat einen eigentümlich doppelten Sinn. Es bedeutet zugleich ‚unbarmherzig‘ und ‚unbegnadet’. Unbegnadet ist der starre Wahn, allein die ganze Wahrheit und das Recht auf unerbittliche Grausamkeit zu besitzen. Wer aber Gnade übt, der wird Gnade finden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Jedem DDR-Bürger wäre in den fünfziger Jahren mit diesem Brief die Haft sicher gewesen. Den berühmten Thomas Mann dagegen musste man umgarnen, um ihn weiterhin propagandistisch verwenden zu können. So ging der Brief zu Erich Mielke mit dem Auftrag, die von Thomas Mann bezeichneten konkreten Fälle – Mann hatte Namen genannt – abzuarbeiten. Inwieweit das erfolgte, ist heute nur noch schwierig nachzuvollziehen. Eine Antwort hat Ulbricht nie geschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Nachgeholtes Versäumnis?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber reagiert Thomas Mann mit diesem Brief tatsächlich auf die Einlassungen von Eugen Kogon und Paul Olberg? Hat er mit diesem Brief wirklich „Versäumtes“ nachgeholt, wie Inge Jens behauptet? Der Brief an Ulbricht wurde damals nicht öffentlich gemacht. Das geschah erst in großen Teilen 1963 in der „Welt“ durch Alfred Kantorowicz, der bei seiner Flucht aus Ost-Berlin eine Kopie dieses archivierten Briefes in den Westen schmuggelte. Vollständig wurde der Brief erst 1990 in der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlags abgedruckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann selbst ließ den Brief ins Englische übersetzen und archivierte ihn seinerseits, möglicherweise um ihn als Angeklagter vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe verwenden zu können. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. 1952 siedelte Mann, aus Enttäuschung über den politischen Kurs der USA und die wachsenden öffentlichen Anfeindungen, endgültig in die Schweiz über.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Somit bleiben Fragen. Warum agierte Thomas Mann, der die Verführbarkeit des Bürgertums durch den Faschismus so früh erkannt hatte, gegenüber dem Stalinismus so hilflos? Er, der bürgerlich-konservative Schriftsteller, nimmt in seiner zögerlichen Milde gegen den Kommunismus nachgerade die Haltung mancher späterer westlicher Linksintellektuellen vorweg.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fehlende Kenntnisse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke, es liegt auch an seiner Art, über Politik zu denken und zu schreiben. Sein rein metapolitischer, gewissermaßen kulturphilosophischer Ansatz, den aufkommenden Nationalsozialismus aus dem Geiste Nietzsches zu erklären, machte es Thomas Mann unmöglich, die politische Taktik der Roten Diktaturen zu durchschauen. Er hatte zeitlebens weder Hegel noch Marx gelesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liberale Intellektuelle in den Ideologiestreit zwischen Ost und West einzubinden, gehörte schon immer zur politisch-kommunikativen Taktik sozialistischer Machthaber. Auch Thomas Manns Einladung nach Weimar war letztlich Teil dieser Taktik. Jeder Renegat des Sozialismus, exemplarisch seien Manès Sperber oder Arthur Koestler genannt, hätte diese Mechanismen sofort durchschaut. Thomas Mann jedoch kannte die Spielregeln der sozialistischen Welt ganz einfach nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So zeigt diese komplexe Geschichte mehrere Dinge: Man kann politische Verworfenheit offenbar nur dann vollständig durchschauen, wenn man das Haus, in welches das politische Verbrechen eingezogen ist, in allen Winkeln kennt. Die Verführbarkeit des konservativen deutschen Bürgertums für Adolf Hitler konnte Thomas Mann folglich <a href="https://tell-review.de/wider-die-verhunzung-des-konservatismus/">klar erkennen</a>. So wurde Thomas Mann zum Warner des deutschen Bürgertums. Zu einem Warner vor Machtmissbrauch in der sozialistischen Welt wurde er nie. Hier gab er sich immer vergleichsweise milde, ohne allerdings mit Zielen und Methoden der Machthaber übereinzustimmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seiner Thomas-Mann-Biografie <em>Das Leben als Kunstwerk</em> (2001) resümiert Hermann Kurzke diesen politisch so überladenen Deutschlandbesuch des Jahres 1949. Er fragt schließlich ebenso lapidar wie treffend: „Besonders tragisch ist, dass sich nicht einmal mit der deutschen Hitler-Opposition ein fruchtbares Gespräch entfalten wollte. Warum war mit Eugen Kogon nicht zu reden, der doch wie er zu den Verfolgten gehört hatte?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Klaus Harpprecht fragt in <em>Thomas Mann – Eine Biographie</em> (1995) schlicht: „Was hätte er [Thomas Mann] aufs Spiel gesetzt, wenn er in einer seiner Reden in ruhiger Klarheit gesagt hätte, er empfinde es als eine unerträgliche Bedrückung, dass die Konzentrationslager der faschistischen Epoche fortbestünden?“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Mann als Orakel?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dass wir heute eindeutig auf der Seite Eugen Kogons stehen, ist evident. Waren die Fronten damals schon so eindeutig? Oder gab es trotz des Stalinismus berechtigte Hoffnungen auf einen menschlichen Sozialismus?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inge Jens, nach dem Tod von Peter de Mendelssohn Herausgeberin der Mannschen Tagebücher, ist sich noch 1993 nicht sicher, wie sie Manns Verhalten in dieser Kontroverse werten soll. In einem Gespräch mit ihrem Mann Walter Jens, Hans Mayer und Hanjo Kesting sagt sie über Kogons Brief und dessen dort formulierte Forderung, das KZ Buchenwald zu besuchen: „Das ist eine grandiose Forderung von Kogon. Thomas Mann hat sie abgelehnt, in höchster Aufregung, wie man aus den Quellen lesen kann.“ Die Situation, in der sich Thomas Mann damals befand, beschreibt Inge Jens als eine „wirkliche Aporie“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich selbst bin mir da nicht so sicher. Für mich zeigt sich vielmehr, dass es den politischen Auguren Thomas Mann eben doch so nicht gab. „Was reden die beiden Magier da?“, so beschreibt Golo Mann ein Gespräch zwischen Thomas und Heinrich Mann; Golo sah beide – den Vater gleichermaßen wie den Onkel – nicht als politische, sondern als literarische Wesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über Heinrich Mann schrieb Golo einmal die schönen Sätze: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">In den letzten Jahren der Weimarer Republik lebte er in Berlin [&#8230;] und galt dort als politisches Orakel, was er nicht war, oder doch nur einmal, und da mit großartigem Klarblick, 1914; einmal genügt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Kann man das nicht auch über Thomas Mann sagen? Er war nur einmal in seinem Leben das politische Orakel, nämlich 1933. Einmal genügt. Dieser einmalige Klarblick führte zur Entfremdung von einer geistigen Welt, der er sich  verbunden gefühlt hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entfremdung von Deutschland</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hiervon erzählt auch Pawilowskis Film, und zwar in inhaltlich zugespitzter, komprimierter Form. Für diese Zuspitzung wurde im Drehbuch, wie bereits angemerkt, das reale Geschehen angepasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So will im Film Klaus Mann, der real bereits zwei Monate tot war, mit nach Deutschland kommen, und im Film begeht er dann während des Besuchs von Thomas Mann in Frankfurt am Main Selbstmord. Dieser Selbstmord wird als ein Ausdruck der Entfremdung von der ehemaligen Heimat interpretiert – eine Entfremdung von Deutschland, die die gesamte Familie Mann betraf. Thomas Mann reagiert im Film zunächst scheinbar emotionslos, scheint dann aber zu erkennen, dass er auf den Verlust der Heimat nur anders antwortet als sein Sohn. Außerdem fährt Erika Mann mit ihrem Vater in beide Goethestädte, in Wahrheit jedoch war es Katia Mann, die ihn begleitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser kurze, schön fotografierte Film behandelt alle oben beschriebenen Konflikte, manchmal nur in knappsten Andeutungen. Die Verquickung realer Personen aus dem Mann-Universum (samt ihren hinlänglich bekannten Biografien) mit einem fiktionalen Plot, der dem realen Geschehen explizit widerspricht, erscheint zunächst gewöhnungsbedürftig. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch ist der Film sehenswert – wenn ich auch diese Fiktion nicht benötigt hätte. Die realen Geschehnisse und Konflikte sind spannend genug.</p>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann in der Paulskirche in Frankfurt am Main, 25.7.1949 <br>Picture alliance/SZ Photo</h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/thomas-mann-1949/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120330</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Sommertipps 2026</title>
		<link>https://tell-review.de/sommertipps-2026/</link>
					<comments>https://tell-review.de/sommertipps-2026/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 07:07:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[tell-Listen]]></category>
		<category><![CDATA[Sommer 2022]]></category>
		<category><![CDATA[tell-Liste]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120273</guid>

					<description><![CDATA[Für den Sommer empfehlen wir eine Flaschenpost aus Belarus, einen Roman aus Hitlerdeutschland, die Biografie eines Flusses, eine Familiengeschichte in Zitaten sowie Liebesgeschichten der anderen Art.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Der Tod ist groß</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Herwig Finkeldey</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="628" height="1030" data-attachment-id="120293" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/81dd-qf3t5l-_sl1500_mit-rand/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?fit=915%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="915,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="81dd-qF3T5L._SL1500_mit Rand" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?fit=628%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=628%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120293" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=628%2C1030&amp;ssl=1 628w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=768%2C1259&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?resize=300%2C492&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/81dd-qF3T5L._SL1500_mit-Rand.jpg?w=915&amp;ssl=1 915w" sizes="(max-width: 628px) 100vw, 628px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">„Der Tod ist groß“, das wusste schon der junge Rilke. Was er freilich nicht wissen konnte: Dem Alter Größe abzuverlangen, dem Warten auf den unvermeidbaren Tod und gar dem Sterben, das ist für die Betroffenen doch eine erhebliche Herausforderung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von dieser Herausforderung erzählt Natascha Wodin in ihrem traurig-schönen Buch <em>Die späten Tage</em>. Das Buch, in der Ich-Form geschrieben, ist autofiktionale Erzählung und Essay in einem, daher ist es nur konsequent, dass ein Gattungsbegriff fehlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natascha Wodin kontrastiert das Alter und dessen Zumutungen sowie den Tod in allen Facetten mit der letzten großen Liebe der Ich-Erzählerin. Es ist die größte, die sie je kannte. Ihr Geliebter namens Friedrich ist Mathematiker sowie Kenner der russischen Literatur und Sprache. Sie haben beide eine bittere Ausgrenzungserfahrung hinter sich: die Ich-Erzählerin als „Russenkind“ im Wirtschaftswunderland, Friedrich musste aus der DDR fliehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Allen geistigen Differenzen zwischen der Dolmetscherin und dem Mathematiker zum Trotz: Sie sind Philemon und Baucis und werden zusammen den Styx überqueren, verwandelt in eine Eiche und eine Linde. So jedenfalls phantasiert es sich die Ich-Erzählerin. Denn nicht nur der Tod ist groß, auch die Liebe ist es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau davon erzählt dieses Buch und deswegen gehört es in jeden Strandkorb. </p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Natascha Wodin<br><strong>Die späten Tage<br></strong>Roman<br>Rowohlt 2025 · 304 Seiten · 24 Euro <br>ISBN: 978-3498003340</p>


</div> </div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Flaschenpost aus Belarus</h2>
</div></div>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Sieglinde Geisel</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="726" height="1030" data-attachment-id="120295" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/image-16/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?fit=1057%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="1057,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?fit=726%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=726%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120295" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=726%2C1030&amp;ssl=1 726w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=211%2C300&amp;ssl=1 211w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=56%2C80&amp;ssl=1 56w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=768%2C1090&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?resize=300%2C426&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/07/image.png?w=1057&amp;ssl=1 1057w" sizes="auto, (max-width: 726px) 100vw, 726px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Viktor Martinowitsch dürfte der einzige belarussische Autor von Rang sein, der noch im Land lebt. Obwohl seine Bücher verboten sind, weigert er sich, ins Exil zu gehen: Jemand müsse bleiben, sonst werde es niemanden geben, der die Veränderungen beschreiben könne, die irgendwann geschehen werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und daran, dass diese Dinge irgendwann geschehen werden, gibt es für Martinowitsch keinen Zweifel: Der Titel des Romans <em>Das Gute siegt</em> ist für ihn Programm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Prolog bezeichnet ein Autor-Ich dieses Buch als Flaschenpost. Wenn es gut sei, werde es seine Leser finden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das Wort stirbt nicht. Das Wort ist überhaupt die mächtigste Waffe im Universum.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei siegt das Gute keineswegs in diesem Roman, der von den Protesten im Sommer 2020 in Minsk handelt. Der Ich-Erzähler Matwej will eigentlich nur „Heidegger“ retten, den Kater der von den Schergen des Regimes verhafteten Philosophieprofessorin Julia, der nun in der Wohnung eingesperrt ist. Doch dann gerät Matwej durch einen Zufall in die Fänge der Sicherheitskräfte und erlebt die Willkür des Regimes am eigenen Leib. Im Weiteren gibt es eine Dichterin namens Lady Di, gesegnet mit wunderbaren Kräften, und eine Theatertruppe, deren Stück verboten wird und die in Vilnius daraufhin die volle Härte des Exils erfährt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein packender Roman, grundiert von einer melancholischen Ironie – und höchst lebendig übersetzt von Thomas Weiler.</p>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Viktor Martinowitsch<br><strong>Das Gute siegt</strong><br>Roman<br>Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler<br>Voland &amp; Quist 2024 · 300 Seiten · 26 Euro<br>ISBN: 978-3863914554</p>


</div> </div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Buch, in dem alle Angst haben</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Hartmut Finkeldey</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="623" height="1030" data-attachment-id="120276" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/image-12/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?fit=908%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="908,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?fit=623%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=623%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120276" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=623%2C1030&amp;ssl=1 623w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=768%2C1269&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?resize=300%2C496&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-7.png?w=908&amp;ssl=1 908w" sizes="auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Wie immer werbe ich auch diesen Sommer für einen Klassiker. Der Plot von Anna Seghers Roman ist einfach: Im KZ Westhofen brechen sieben Männer aus. Der Kommandant will die sieben innerhalb einer Woche zurückgeschafft wissen, um an ihnen per Kreuzigung ein grausames Exempel zu vollziehen. Sechs von sieben werden erwischt, begehen Selbstmord, stellen sich – ein einziger, Georg Heisler, ehemals Kommunist, aber eher Lebemann denn politisch geschult, kommt durch. Und zwar mithilfe alter Freunde und politischer Weggefährten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei zeigen sich einige Akteure als stabil, andere als feige – und genau das macht den Roman politisch aus: Denn Seghers zeigt keineswegs KP-Mitglieder, die ohne Fehl und Tadel agieren, während der ‚bürgerliche‘ Widerstand feige, opportunistisch, unfähig oder gar verräterisch ist. Der Pfarrer, der Georgs Häftlingskleidung verbrennt, der jüdische Arzt, der ihn behandelt, vor allem Familie Röder, alte Freunde, aber völlig unpolitisch: Sie sind es, die wesentlichen Anteil an der geglückten Flucht haben. Sie helfen aus Menschlichkeit und nicht, weil ein Parteiauftrag vorlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Indem Anna Seghers multiperspektivisch erzählt, gelingt es dem Roman auf eindrückliche Art, die Atmosphäre des dritten Reichs einzufangen. Eine Konstante gibt es dabei, die für alle gilt – in verquerer Weise sogar für die SS und die Gestapo, die unter Erfolgsdruck stehen: Angst, und damit die Zerstörung von Vertrauen, also aller Menschlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Buch haben alle Angst: Darf ich Georg helfen, oder ist das eine Falle der Gestapo?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wie es Georg in der Nacht geahnt hatte, verwandelte sich seine Heimatstadt mit allen Menschen die jemals in einem Zusammenhang mit seinem Leben gestanden haben, jene Gemeinschaft, die jedes Dasein trägt und umgibt, aus Blutsverwandten und Liebschaften und Lehrern und Meistern und Freunden, in ein System aus lebenden Fallen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz stark. Eine der größten literarischen Leistungen des Exils und der klassischen Moderne überhaupt.</p>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Anna Seghers<br><strong>Das siebte Kreuz<br></strong>Roman<br>Aufbau Taschenbuch 2018 · 448 Seiten · 12 Euro<br>ISBN: 978-3746634692</p>


</div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Sittengemälde jüdischen Lebens</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Sieglinde Geisel</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="577" height="1030" data-attachment-id="120277" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/image-13/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?fit=841%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="841,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?fit=577%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=577%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120277" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=577%2C1030&amp;ssl=1 577w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=168%2C300&amp;ssl=1 168w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=45%2C80&amp;ssl=1 45w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=768%2C1370&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?resize=300%2C535&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-8.png?w=841&amp;ssl=1 841w" sizes="auto, (max-width: 577px) 100vw, 577px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Sachbuch <em>Melting Point</em> erzählt Rachel Cockerell die Geschichte ihrer jüdischen Familie, und zwar ausschließlich in Zitaten. Die Entscheidung, die Protagonisten für sich selbst sprechen zu lassen, begründet die Autorin so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich habe verstanden, dass ich nicht Teil dieser Geschichte bin, im Gegensatz zu diesen russischen Juden, die damals in die USA kamen. Daher habe ich entschieden, meine Stimme wegzulassen und nur sie sprechen zu lassen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist, als hörte man ein virtuoses, hochspannendes Feature am Radio. Aus der Familiengeschichte wird ein Sittengemälde jüdischen Lebens: Wir sind hautnah dabei beim ersten zionistischen Kongress 1897 im Stadtcasino Basel, wir hören Theodor Herzl reden und lernen den heute vergessenen Theaterautor Israel Zangwill kennen, damals der berühmteste Jude der westlichen Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und man ist dabei, als David Jochelmann, der Urgroßvater der Autorin, nach dem Pogrom von Kischinau 1903 einen Zufluchtsort finden will für die verfolgten Juden Russlands. Man erlebt die Zwanzigerjahre in der Lower East Side New Yorks, wo sich der Begriff des Melting Pot zu etablieren beginnt – ein Begriff, den Israel Zangwill 1908 in einem Theaterstück erfunden hatte, zur Begeisterung von Theodore Roosevelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind nicht nur die Details, die das Buch so ungemein lesenswert machen. Die Zitatmontage bietet Einsichten, die kein konventionelles Sachbuch zu bieten hat: politische Widersprüche, emotionale Leidenschaften, Sachzwänge und Zufälle, Ängste und Hoffnungen aller Beteiligten liegen offen zutage. Der perfekt komponierte Kontrapunkt der Stimmen, hervorragend übersetzt von Nina Frey und Cornelius Reiber, entwickelt einen Sog, dem man kaum widerstehen kann.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Rachel Cockerell<br><strong>Melting Point. Suche nach dem gelobten Land<br></strong>Eine Familiengeschichte<br>Aus dem Englischen von Nina Frey und Cornelius Reiber<br>Die Andere Bibliothek 2025 · 450 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3847720669</p>


</div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Liebe in den Untiefen des Kulturbetriebs</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Herwig Finkeldey</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="687" height="1030" data-attachment-id="120278" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/image-14/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?fit=1000%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="1000,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?fit=687%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=687%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120278" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=687%2C1030&amp;ssl=1 687w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=768%2C1152&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?resize=300%2C450&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-9.png?w=1000&amp;ssl=1 1000w" sizes="auto, (max-width: 687px) 100vw, 687px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Wenn zwei sich lieben, freut sich eine Dritte. Die Beziehung des Künstlers Adam und der Schriftstellerin Eva läuft im ständigen On/Off-Modus. Nicht nur, dass die beiden sich lieben und nicht lieben, sie sehen einander auch als Material – und reflektieren ihre Beziehung daher zu Tode.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn man sich fragt, ob etwas Kunst ist, ist es keine Kunst. Wenn man sich fragt, ob das Liebe ist, ist es keine Liebe.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus grätscht nun jene Dritte, eine ebenso langweilige wie eifersüchtige Berlin-Mitte-Boutique-Lady, ständig hinein, indem sie Adam wiederholt verführt – der sich natürlich auch immer wieder verführen lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem verqueren Liebesroman schildert Ruth Herzberg den bullshittigen Berliner Kunst-Betrieb mit satirischer Feder und kühler Verachtung. Und immer wieder kommt den Künstlern, den Schriftstellern sowie dem begleitenden Personal ein Spielverderber namens Realität dazwischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein wunderbar despektierliches Buch.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Ruth Herzberg<br><strong>Frequenzen</strong><br>mikrotext 2026 · 176 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3948631529</p>


</div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Die Donau als Romanfigur</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Lektüretipp von Agnese Franceschini</h4>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="662" height="1030" data-attachment-id="120279" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2026/image-15/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?fit=964%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="964,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?fit=662%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=662%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120279" style="width:200px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=662%2C1030&amp;ssl=1 662w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=193%2C300&amp;ssl=1 193w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=768%2C1195&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?resize=300%2C467&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-10.png?w=964&amp;ssl=1 964w" sizes="auto, (max-width: 662px) 100vw, 662px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung hat das Buch des italienischen Germanisten Claudio Magris nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Claudio Magris‘ <em>Donau</em> erzählt vom Verlauf und der Geschichte eines Flusses, der heute zehn Länder durchfließt, damals jedoch weniger, dafür aber mit weitaus undurchdringlicheren Grenzen und Barrieren. Vor vierzig Jahren bestand der Eiserne Vorhang noch, und auch ein Fluss wie die Donau musste sich ihm unterwerfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch gelingt es Magris in dieser „Biographie eines Flusses“, die sich zusammensetzt aus unzähligen kleinen und großen Biografien von Menschen, Städten, Landschaften und Regionen, die verbindende Kraft der Donau wieder zum Leben zu erwecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er entwirft, entlang des Flusses, einen regelrechten literarischen Atlas von Mitteleuropa mit Franz Kafka, Joseph Roth, Robert Musil, aber auch Elias Canetti und andere Größen der mitteleuropäischen und balkanischen Literatur. Entlang des Flusses begegnen wir Freud und Einstein, Philosophen wie Ludwig Wittgenstein und Karl Marx. Vor allem aber begegnen wir der Geschichte und ihren Protagonisten, von den Römern bis zu Ludwig I. von Bayern, vom Limes bis zur Walhalla, diesem dorischen Tempel, der sich wenige Kilometer hinter Regensburg über der Donau erhebt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Der weiße Hellenentempel, der einen Namen aus der nordischen Mythologie trägt, symbolisiert jenen Traum von einer Symbiose zwischen Deutschland und Griechenland: die Germanen als Abkömmlinge der antiken Dorer sollten die Griechen des neuen Europas sein, sollten Europa eine neue, universale Kultur geben wie einst die Griechen der antiken Welt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch ist keine Reportage, sondern ein versteckter Roman, mit der Donau als Protagonistin. Es ist gleichzeitig auch ein Buch über Grenzen aller Art und über die Schwierigkeit, sie zu überwinden: Neben nationalen und politischen Grenzen geht es auch um moralische, religiöse und sprachliche Grenzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch eigentlich ist es die Geschichte des Lebens: der Reise durch das Leben mit dem Tod als Ziel. Das Buch endet mit einem Gedicht des italienisch-österreichischen Dichters Biagio Marin.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mach, dass mein Tod, Herr, sei wie das Fließen eines Stroms in t’el mar grando, in das grosse Meer.</p>
</blockquote>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Claudio Magris<br><strong>Donau. Biographie eines Flusses</strong><br>Aus dem Italienischen von Heinz Georg Held<strong><br></strong>dtv 2007 · 496 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3423344180</p>


</div> </div></div>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Sieglinde Geisel</h6>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/sommertipps-2026/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120273</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Kinderbücher – Sommer 2026</title>
		<link>https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/</link>
					<comments>https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Antje Ehmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2026 09:20:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[tell-Listen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120252</guid>

					<description><![CDATA[In vielen unserer Sommertipps geht es um Tiere. Ein Wal als Haustier und ein Turbospecht im Garten, ein Sachbuch über Nacktschnecken – und nachts im Museum begegnet man Wollnashorn und Riesenkalmar.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Bilderbuch</h2>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Gundi Herget/Heike Herold</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Alle rennen, rasen, sausen</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="720" data-attachment-id="120253" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/u4-u1_alle-rennen-rasen-sausen-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?fit=1400%2C1120&amp;ssl=1" data-orig-size="1400,1120" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;U4-U1_Alle rennen rasen sausen.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="U4-U1_Alle rennen rasen sausen.indd" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?fit=900%2C720&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=900%2C720&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120253" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=1030%2C824&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=300%2C240&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=80%2C64&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=768%2C614&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?resize=1300%2C1040&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/9783779507970_Herget-Herold_Alle-rennen-rasen-sausen_print.jpg?w=1400&amp;ssl=1 1400w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Achtung, Achtung! Das Wettrennen beginnt! Wer am schnellsten ist, gewinnt! (…) Die anderen flitzen, flattern, hasten. Alle Tiere? Nein! Eins … muss kurz im Schatten rasten.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Peter Hammer, 22 Seiten, 14 Euro, ab 2 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Aline Portmann</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Zwei ganz besondere Freunde</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="784" height="1030" data-attachment-id="120254" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/image-5/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?fit=1142%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="1142,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?fit=784%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=784%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120254" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=784%2C1030&amp;ssl=1 784w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=228%2C300&amp;ssl=1 228w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=61%2C80&amp;ssl=1 61w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=768%2C1009&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?resize=300%2C394&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image.png?w=1142&amp;ssl=1 1142w" sizes="auto, (max-width: 784px) 100vw, 784px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Aber Theo wollte ein ganz besonderes Haustier. Ein Tier, über das alle staunen würden. Er schloss die Augen und dachte … an einen Wal! Der ist groß und stark. Wie stolz wäre Theo mit solch einem Tier an seiner Seite.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart<br>Mixtvision, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Elise Gravel</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Die Nacktschnecke</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="767" height="1030" data-attachment-id="120255" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/nacktschnecke_cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?fit=1905%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1905,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Nacktschnecke_Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?fit=767%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover.jpg?resize=767%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120255" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=767%2C1030&amp;ssl=1 767w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=223%2C300&amp;ssl=1 223w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=768%2C1032&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=1143%2C1536&amp;ssl=1 1143w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=1524%2C2048&amp;ssl=1 1524w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=2000%2C2687&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=1300%2C1747&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?resize=300%2C403&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?w=1905&amp;ssl=1 1905w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Nacktschnecke_Cover-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Genau wie der Regenwurm ist die Nacktschnecke gleichzeitig männlich und weiblich. Die Schnecke legt ihre Eier in ein Loch im Boden, unter einen Stein oder unter ein Stück verrottetes Holz. Die winzigen, durchsichtigen Babynacktschnecken schlüpfen nach einigen Wochen.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Aus dem Englischen von Juri Johansson<br>Kraus Verlag, 32 Seiten, 17 Euro, ab 5 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Moni Port/Claudia Weikert</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Shrimpie und ich</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="761" height="1030" data-attachment-id="120266" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/61axuomd-bl-_sl1218_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?fit=900%2C1218&amp;ssl=1" data-orig-size="900,1218" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="61aXUOmD-BL._SL1218_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?fit=761%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=761%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120266" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=761%2C1030&amp;ssl=1 761w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=222%2C300&amp;ssl=1 222w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=59%2C80&amp;ssl=1 59w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=768%2C1039&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?resize=300%2C406&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61aXUOmD-BL._SL1218_.jpg?w=900&amp;ssl=1 900w" sizes="auto, (max-width: 761px) 100vw, 761px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wie ihr ja wisst, ist in zwei Wochen unser erster Unplugged-Tag. Alle Kinder der ersten Klassen können etwas aufführen, wenn sie möchten. Wer möchte denn etwas beisteuern? Wer traut sich? Tanzen, Gedichte, Musik, alles ist erlaubt. Freiwillige vor.“</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Kibitz Verlag, 130 Seiten, 20 Euro, ab 6 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Kinderbuch</h2>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Matthias Kröner</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Der Turbospecht – Ein wundervoll behämmerter Sommer</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="520" height="797" data-attachment-id="120257" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/u1_978-3-7571-0249-4/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?fit=520%2C797&amp;ssl=1" data-orig-size="520,797" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="U1_978-3-7571-0249-4" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?fit=520%2C797&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?resize=520%2C797&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120257" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?w=520&amp;ssl=1 520w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7571-0249-4.png?resize=300%2C460&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">In unserem neuen Garten stehen acht riesige Kiefern, die richtig toll Schatten spenden, und zwischen zwei von ihnen – hänge ich! Ich nippe an meiner Limo und denke nach. Zum Beispiel darüber, dass das Leben mit einer selbstgemachten Zitronenlimo okay ist, Selbst dann, wenn man sechs Wochen lang in den großen Sommerferien zu Hause bleibt.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Rotfuchs, 144 Seiten, 13,90 Euro, ab 8 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Christoph Drösser/Nora Coenenberg</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>100 Kinder in Deutschland</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="735" height="1030" data-attachment-id="120258" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/image-7/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?fit=1071%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="1071,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?fit=735%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=735%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120258" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=735%2C1030&amp;ssl=1 735w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=214%2C300&amp;ssl=1 214w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=57%2C80&amp;ssl=1 57w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=768%2C1076&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?resize=300%2C420&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-2.png?w=1071&amp;ssl=1 1071w" sizes="auto, (max-width: 735px) 100vw, 735px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">25 sind Einzelkinder. (…) Bist Du ein Einzelkind? Dann denkst du bestimmt oft: Hätte ich doch bloß Geschwister! Mit denen muss man sich nicht zum Spielen verabreden, sie sind immer da. Man kann mit ihnen über Sachen reden, über die man vielleicht mit den Eltern nicht sprechen möchte.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Gabriel, 112 Seiten, 16 Euro, ab 9 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Leisa Stewart-Sharpe/Acapulco Studio</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Im Museum bei Nacht</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="520" height="669" data-attachment-id="120259" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/u1_978-3-7373-7629-7/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?fit=520%2C669&amp;ssl=1" data-orig-size="520,669" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="U1_978-3-7373-7629-7" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?fit=520%2C669&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?resize=520%2C669&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120259" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?w=520&amp;ssl=1 520w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?resize=233%2C300&amp;ssl=1 233w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?resize=62%2C80&amp;ssl=1 62w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/U1_978-3-7373-7629-7.png?resize=300%2C386&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Du hast unglaubliche Dinge gesehen: mehr als 100 Ausstellungsstücke aus 39 Museen in aller Welt. Du wurdest von einem Wollnashorn verfolgt, und ein Riesenkalmar hat dich am Bein gepackt. Du bist von der unheilvollen Mumie erschreckt und von Heinrich VIIi getadelt worden. (…) Wer wird dir das alles wohl jemals glauben?</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi<br>Fischer Sauerländer, 64 Seiten, 19,90 Euro, ab 9 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Volker Mehnert/Claudia Lieb</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Inseln der Welt – Von Rügen bis Thaiti</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row-31821228674" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="744" height="1000" data-attachment-id="120260" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/image-8/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?fit=744%2C1000&amp;ssl=1" data-orig-size="744,1000" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="image" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?fit=744%2C1000&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?resize=744%2C1000&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120260" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?w=744&amp;ssl=1 744w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?resize=223%2C300&amp;ssl=1 223w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/image-3.png?resize=300%2C403&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 744px) 100vw, 744px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mandeln: Sein schönstes Gesicht zeigt Mallorca im Januar und Februar: Dann blühen mehr als sieben Millionen Mandelbäume und tauchen große Teile der Insel in ein rosa-weißes Blütenmeer. Im Spätsommer können dann Tausende Tonnen der „Almendra Mallorquina“ geerntet werden.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Gerstenberg, 40 Seiten, 28 Euro, ab 10 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h2 class="wp-block-heading">Jugendbuch</h2>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Eva Erben</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Mich hat man vergessen</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row--120261 coblocks-row-31821228674" data-id="120261" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="688" height="1030" data-attachment-id="120262" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/61udabckall-_sl1414_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?fit=945%2C1414&amp;ssl=1" data-orig-size="945,1414" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="61uDabckalL._SL1414_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?fit=688%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=688%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120262" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=688%2C1030&amp;ssl=1 688w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=768%2C1149&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?resize=300%2C449&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/61uDabckalL._SL1414_.jpg?w=945&amp;ssl=1 945w" sizes="auto, (max-width: 688px) 100vw, 688px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Einmal wurde ich gefragt: „ Sie erzählen diese schrecklichen Dinge in einer so ruhigen Art. Sind Sie wirklich so ausgeglichen oder eine solch gute Schauspielerin?“ Ich würde sagen: Fifty-fifty. Wenn ich erzähle, sehe ich das Mädchen, das Kind, das ich einmal war. Das bin nicht mehr ich. Es ist weit weg. Ein gewisser Schmerz bleibt, der gehört zu mir. Aber er ist nicht der Kapitän meines Lebens.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Hebräischen von Nathan Jessen<br>Gulliver, 144 Seiten, 9 Euro, ab 14 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-medium-font-size mb-0 pb-0 wp-block-paragraph">Jeong-in Mun</p>



<p style="font-size:30px" class="mt-0 pt-0 wp-block-paragraph"><strong>Langer Atem</strong></p>



<div class="wp-block-coblocks-row coblocks-row--120261 coblocks-row-31821228674" data-id="120261" data-columns="2" data-layout="66-33"><div class="wp-block-coblocks-row__inner has-no-padding has-no-margin is-stacked-on-mobile has-medium-gutter">
<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248398" style="width:29.88%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="761" height="1030" data-attachment-id="120263" data-permalink="https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/71nlr8gx9kl-_sl1319_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?fit=975%2C1319&amp;ssl=1" data-orig-size="975,1319" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="71nlr8gx9kL._SL1319_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?fit=761%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=761%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120263" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=761%2C1030&amp;ssl=1 761w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=222%2C300&amp;ssl=1 222w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=59%2C80&amp;ssl=1 59w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=768%2C1039&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?resize=300%2C406&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/71nlr8gx9kL._SL1319_.jpg?w=975&amp;ssl=1 975w" sizes="auto, (max-width: 761px) 100vw, 761px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-coblocks-column coblocks-column-31821248425" style="width:69.12%"><div class="wp-block-coblocks-column__inner has-no-padding has-no-margin">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Heute muss ich mein Netz voll bekommen. Eine. Noch eine. Noch nicht genug. Ich muss länger unten bleiben. Ich muss den Atem noch länger anhalten. Wenn ich mit dem Boot weiter hinaus fahre, gibt es sicher viel mehr zu holen.</p>
</blockquote>
</div></div>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Aus dem Koreanischen von Sera Kuk<br>Rotopol, 220 Seiten, 28 Euro, ab 16 Jahren</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: NadyaEugene via Shutterstock</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/kinderbuecher-sommer-2026/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120252</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger</title>
		<link>https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/</link>
					<comments>https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 07:48:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120217</guid>

					<description><![CDATA[In seiner Laudatio zum Zolliker Kunstpreis 2021 verweist Bernhard Echte auf eine Geschichte in Gertrud Leutenggers Roman „Späte Gäste“: eine Liebesgeschichte der zarteren, abgründigeren Art. Wir veröffentlichen sie auf tell.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8211; 20.6.2026: <a href="https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Page-99-Test Gertrud Leutenegger</a> von Sieglinde Geisel<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/der-zitronenfalter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Zitronenfalter</a>. Laudatio zum Zolliker Kunstpreis 2021 von Bernhard Echte<br>&#8211; 22.6.2026: Eine Geschichte von Gertud Leutenegger. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman <em>Späte Gäste</em></p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Ob unser Dorf auch einmal so aussterben wird wie Modica? Weißt du noch, wie der Wirt in jener Juninacht, als wir alle wegen der Schwüle nicht einschliefen und hinunter in die Loggia kamen, uns von seiner Mutter erzählte, die nie verstanden hatte, wie man Modica verlassen konnte? Modica war ihr die Welt! Und ohne Modica existierte die Welt nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht rührte alles nur von dem beschrifteten Klosettpapier her, sagte der Wirt, während Serafina und ich uns damals in der Loggia in unseren Rattansesseln einrichteten, aufatmend über einzelne Wellen kühleren Nachtwindes. Im Dunkel des Gartens, zwischen den Ginstersträuchern, blinkte hie und da ein schwebendes Glühwürmchen. Meine Mutter, fuhr der Wirt fort, muß in den jungen Mann verliebt gewesen sein, der ihr eines Tages erklärte, daß er in Modica geboren und der Sohn des früheren Stationsvorstandes war, der nach dem Erdbeben von Messina dorthin in die Ruinenstadt versetzt wurde. Nie habe er es verwunden, daß man ihn als Kind aus Modica herausgerissen und in das aufgewühlte Messina verpflanzt hatte! Jetzt studierte er am Technikum, er wollte Ingenieur werden, aber von Zeit zu Zeit mußte er an den Bahnhof von Modica. Versunken stand er dann lange dort in der Sonnenglut, nie stellte er sich unter das schützende Vordach des safrangelben Stationsgebäudes, als wolle er eins werden mit der flimmernden Hitze über den Geleisen und dem betäubenden Geruch des wilden Thymians. Die Mutter des Wirts, noch sehr jung, saß im Schatten vor dem Toilettenhäuschen auf ihrem Klappsessel, neben sich auf einem verrosteten kleinen Gartentisch den Blechteller mit den spärlichen Münzen, und betrachtete die seltene Erscheinung. Der Mann trug meist eine karierte Jacke, die ihr sehr englisch vorkam, und immer eine Krawatte. Als er sich dem Toilettenhäuschen näherte, bemerkte sie unter den auffallend buschigen Brauen das Verhaltene in seinen großen dunklen Augen. Irgendwie davon gebannt, rührte sie keinen Finger, um das &nbsp;Klosettpapier abzuzählen. Vielleicht lag etwas Fragendes in ihrem Blick, denn der junge Mann begann, als müsse er sein stummes Dastehen vor dem Bahnhofsgebäude erklären, davon zu erzählen, warum es ihn immer wieder verlange, nach Modica zurückzukehren. Wenn er nur lange genug in der kochenden Hitze vor den Geleisen ausharre, sehe er seinen Vater vor sich, wie er bei Ankunft oder Abfahrt eines Zuges in Galauniform vor das Stationsgebäude trat, auch eine bloße Durchfahrt versäumte er nie. Aufrecht, würdevoll, unbeweglich stand er dann im Fahrtwind und hob grüßend die Hand an die rote Schirmmütze, auf der die Flügel des Hermes glänzten, und sein Vater erschien ihm wie der Gott der Reise selbst, dieses bittersüßen Erdengeschenks, das er noch so oft verfluchen würde. Die junge Frau zählte nun doch aufmerksam das üblich bemessene Klosettpapier ab und gab ihm drei Blätter dazu. Sie glaubte, ein Lächeln in den Augenwinkeln des jungen Mannes zu entdecken. Er zog einen Stift aus seiner Jackentasche, beugte sich hinunter auf den wackeligen Gartentisch, beschrieb eines der Blätter mit wenigen Zeilen und gab es ihr zurück. Sie nahm am Abend das Blatt nach Hause und las es wieder und wieder. Von einem weißen Kleid war die Rede, nackten Armen, Wind, gewissen Nächten im März, es schien ein Gedicht zu sein, obwohl es sich nicht reimte. Aber ja, sie hatte an diesem Tag ein weißes Sommerkleid getragen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wartete vor ihrem Toilettenhäuschen nur noch auf die Rückkehr des Mannes mit den buschigen schwarzen Augenbrauen. Kaum setzte sich das Läutewerk einer Stationsglocke in Bewegung, erfüllte sie das grelle Bimmeln mit nie gekannter Aufregung. Der helle Ton kündigte die Ankunft eines Zuges aus Siracusa an, beim dunkleren würde einer aus Caltanissetta eintreffen. Manchmal kreuzten sich die Züge beinahe, und dann erscholl in der glutheißen Stille der kleinen Bahnstation ein frenetisches Klingelkonzert. In genau einem solchen Augenblick tauchte nach Monaten zwischen den wenigen Reisenden endlich die karierte Jacke auf. Die junge Frau begann sofort Klosettpapier abzuzählen, und als der Mann auf das Toilettenhäuschen zukam, muß sie gestrahlt haben, als hätte sie das vorherige vielstimmige Empfangsgebimmel eigens für ihn in Gang gesetzt. Sie überreichte ihm unverzüglich die üblichen zwei Blätter und dann, nicht ohne zarte Feierlichkeit, sechs weitere dazu. Der Mann schaute sie nachdenklich an. Sie fühlte, wie sie errötete, und stand von ihrem Klappsessel auf, damit er sich setzen konnte. Er hielt öfters inne während des Schreibens, aber schließlich hinterließ er ihr drei vollgekritzelte Blätter. Als der Mann gegangen war, las sie die Zeilen noch vor dem Toilettenhäuschen. Eine unbestimmbare Traurigkeit fraß sich aus den Worten in sie hinein, begrabene Stimmen und tote Engel kamen darin vor, Sümpfe, staubige Straßen, Betrug. Beinahe ein Jahr sollte verstreichen, ehe sie den jungen Mann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen in einer warmen Abenddämmerung nochmals aus dem Zug steigen sah. Die karierte Jacke mußte ziemlich abgetragen sein, aber im Grunde hatte sie keine Augen dafür. Eine jähe Melancholie, die sie nicht niederzukämpfen wußte, überwältigte sie. Ihr war, sie sähe den jungen Mann zum letzten Mal. Und ohne sich von ihrem Klappsessel zu erheben und auch nur ein einziges Papier abzuzählen, begann sie langsam und vorsichtig, in vollkommener Stille, die ganze Klosettrolle abzuwickeln. Unaufhaltsam fielen die breiten weißen Papierstreifen aus ihrer Hand zu Boden, bauschten sich kurz, warfen bizarre Falten und blieben ruhig liegen. Reglos saß sie am Ende inmitten ihrer so verschwenderisch dargebotenen Verehrung. Der Sohn des einstigen Stationsvorstandes, sagte der Wirt, begann erst nach einer langen Pause die Klosettrolle sorgfältig aufzuwickeln und nahm sie mit sich. Meine Mutter sah ihn nie wieder. Hie und da traf mit der Post ein Couvert für sie ein, und darin lag ein beschriftetes Klosettpapier. Der Aufgabestempel war Rom, danach Genua, Mailand, und die Entfernung wuchs für sie ins Unermeßliche. Sie heiratete spät, auf ihrem Nachttischchen bündelte sie weiter die vollgekritzelten Klosettblätter, in denen sie ihre Welt, ihr Modica beschrieben fand, die Hitze, die Schatten der Toten, die verdurstenden Tiere, die gleißenden Steine und unstillbare Traurigkeit. Vielleicht ließ mein Vater, sagte der Wirt, sie Eifersucht auf diese Blätter spüren, durch die sie unablässig mit einer ihm unbekannten inneren Stimme verbunden war, jedenfalls muß sie nach meiner Geburt das Nachttischchen geräumt haben. Mit dünnen Klebestreifen heftete sie die beschrifteten Klosettblätter auf die grüne Tapete über meinem Kinderbett. In meinen frühesten Erinnerungen schaukeln diese Blätter über mir im Wind, der den Fensterflügel aufgestoßen hat, oder sind es die Zweige der weißblühenden Tamariske nahe der Hausmauer, die sich hereinneigen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serafina gab unüberhörbare Zeichen der Schläfrigkeit von sich. So wie der Sohn des Stationsvorstandes damals, sagte der Wirt leiser, im Flimmern über den Bahngeleisen seinen Vater gesucht hat, in der roten Schirmmütze mit den glänzenden Hermesflügeln, so sehe ich bei jeder Ankunft in Modica meine Mutter noch immer als junge Frau in der Abenddämmerung vor dem Toilettenhäuschen sitzen, umgeben von den in langsamen Wellen niederfallenden Klosettpapierstreifen, die sich still in bauschige Falten legen und rund um sie liegenbleiben wie Schnee.</p>



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Gertrud Leutenegger: <em>Späte Gäste</em>, S. 152-157<br><em>Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags</em></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Gertrud Leutenegger<br><strong>Späte Gäste</strong><br>Roman<br>Suhrkamp Verlag 2020 · 174 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3518429587<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="621" height="1030" data-attachment-id="120218" data-permalink="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/cover-38/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?fit=726%2C1204&amp;ssl=1" data-orig-size="726,1204" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?fit=621%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?resize=621%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120218" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?resize=621%2C1030&amp;ssl=1 621w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?resize=181%2C300&amp;ssl=1 181w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?resize=300%2C498&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-1.jpg?w=726&amp;ssl=1 726w" sizes="auto, (max-width: 621px) 100vw, 621px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120217</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Der Zitronenfalter</title>
		<link>https://tell-review.de/der-zitronenfalter/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-zitronenfalter/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Bernhard Echte]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 07:31:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Gerturd Leutenegger]]></category>
		<category><![CDATA[Laudatio]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Literatur]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120184</guid>

					<description><![CDATA[Im Jahr 2021 erhielt Gertrud Leutenegger den Zolliker Kunstpreis. Zum ihrem ersten Todestag veröffentlichen wir die Laudatio von Bernhard Echte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8211; 20.6.2026: <a href="https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Page-99-Test Gertrud Leutenegger</a> von Sieglinde Geisel<br>&#8211; 22.6.2026: Der Zitronenfalter. Laudatio von Bernhard Echte<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger</a>. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman <em>Späte Gäste</em></p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Sehr geehrte Damen und Herren</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, nach dieser in jeder Hinsicht wundervollen <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geschichte</a> zu Ihnen zu sprechen, denn ich habe den Eindruck, damit etwas wegzunehmen von ihr. Ich meine zu spüren, dass diese Geschichte in Ihnen noch nachklingt, nachklingen will und darin nicht gestört werden sollte. Es ist etwas zutiefst Berührendes in ihr, eine Melancholie, die uns wie ein schönes trauriges Märchen anweht, eine Sehnsucht, ein Ahnen, ein Glücksversprechen – ohne Aussicht und Erfüllung, und vielleicht gerade darum so rein. Leute wie ich haben von Berufs wegen die törichte Angewohnheit, immer nach dem Woher und Warum einer Wirkung zu fragen, dabei zeigt gerade diese Geschichte, dass die einzig wirkliche Antwort auf solche Fragen nicht in irgendwelchen gelehrten Sätzen liegt, sondern in ihrem Verschwinden und Verstummen, da sich alle weiteren Auslassungen hier erübrigen. Ich sollte also eigentlich den Mund halten und schweigen, denn das tiefe Glück, das uns diese Geschichte trotz ihrer Traurigkeit schenkt, ist ein Geheimnis, das sich nicht erklären lässt, sondern dessen wir nur inne werden können und im Zuhören soeben inne geworden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bitte denken Sie jetzt nicht, dass ich es mir hier einfach machen will. Ich glaube vielmehr, dass letztlich alle tiefen Fragen des Lebens nur die Antwort des Verschwindens kennen, ja, dass wir die tiefen Fragen sogar genau daran erkennen können. Nehmen Sie beispielsweise das geheimnisvolle Phänomen der Gesundheit. Wie ist es mit ihr. Weiß die Medizin etwas von ihr, oder ist sie nicht eigentlich nur die Wissenschaft von der Krankheit, während sich alle Fragen erübrigen und verschwinden, wenn wir gesund sind, ja, dass Gesundheit gerade an dieser Fraglosigkeit von Kraft, an diesem selbstverständlichen Zuhause in uns selbst erkennbar ist. Haben nicht auch Sie schon – um ein banales Beispiel zu nennen – die merkwürdige Erfahrung gemacht, unter andauernden Rückenschmerzen gelitten zu haben, die sich gegen alle ärztlichen oder physiotherapeutischen Manipulationen behaupteten, die dann aber eines Morgens wundersam verschwunden waren – sogar ohne, dass es Ihnen auffiel? Es war geschehen und nicht zu erklären. Und ist es nicht mit dem Glück genauso? Mit dem Erlebnis der Schönheit? Mit dem Ergriffenwerden durch Dichtkunst? Mit dem Gefühl von Geborgenheit? Mit der Frage, wer wir sind?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die offene Tür zur Erinnerung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dies führt mich unmittelbar zu den Personen, die Sie in Gertrud Leuteneggers Büchern kennenlernen können, und ich spreche hier ganz bewusst von Personen, nicht von Figuren. Diese Menschen, denen Sie dort begegnen, haben fast alle – oder eigentlich: alle – keine einfache Existenz; vielmehr ist ihr Leben von Schicksalsschlägen geprägt: vom frühen Verlust der Eltern, von scheiternder Liebe, von materieller Knappheit und harter Arbeit, von körperlicher Entstellung und sozialer Marginalisierung, wobei auffällt, dass Aus- und Einwanderer in Gertrud Leuteneggers Büchern fast omnipräsent sind. Doch ungeachtet der Härte ihres Schicksals, trotz der teilweise krassen Gemeinheiten des Lebens, denen sie ausgesetzt sind, fühlen oder verstehen sich all diese Menschen nicht als Opfer (selbst wenn Gertrud Leutenegger sehr wohl zu erkennen gibt, dass die Verletzten von Brand- und Bombenanschlägen, von willkürlicher Gewalt und Krieg sehr wohl Opfer sind). Aber nie werden sie als Benachteiligte dargestellt, die sich dazu berechtigt fühlen, dem Schicksal den Schmollmund oder die harte Anklägermiene zu zeigen, oder an denen demonstriert werden soll, wie schlecht diese Welt ist bzw. wie sie – ex negativo – eigentlich auszusehen hätte. Nein, Gertrud Leuteneggers Bücher lassen das Sein in allen Aspekten gelten und werten es nicht zugunsten eines moralischen Sollens ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu gehört, dass all diese Menschen ihrer ganzen Natur nach gesund (oder innerlich „geheilt“) sind; sie besitzen eine ebenso natürliche wie wundersame Würde und Stärke – die nur einer Versicherung bedarf: der Erinnerung und Erzählung. All diese Personen kennen einen Fonds des Unentweihten in sich – wissen aber auch um schmerzhafteste Erlebnisse, die sie als etwas „Versiegeltes“ mit sich tragen, wie dies im vorletzten Roman „Panischer Frühling“ genannt wird. Dieses Unentweihte liegt – ebenso wie das „Versiegelte“ – meist in ihrer Kindheit oder genauer: in der Geschichte, die sie erinnern. Man denke dabei bitte nicht Psycho-Muster wie Idealisierung und Verdrängung, das würde die Sache komplett verfehlen, ja, in ihr Gegenteil verkehren. Denn es gehört gerade zum Charakteristischen all dieser Personen, dass sie die Tür zur Erinnerung immer offen lassen, dass sie die Erinnerungen ohne Scheu kommen und gehen lassen und in ihnen das unsichtbare Zentrum ihres Lebens verspüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Als Kind durfte ich an den langen Nachmittagen mit meiner Mutter schlafen, ganz den Biegungen ihres Rückens angekuschelt, ganz geschützt in ihrer Wärme und ihrem regelmäßigen Atem“, heißt es zu einer dieser Erinnerungen, die bereits in Gertrud Leuteneggers erstem Buch <em>Vorabend</em> erzählt wird. Allerdings darf dabei der Kontext nicht übersehen werden: Dass diese Erinnerung auftaucht, als die Ich-Erzählerin gedankenlos eine abblätternde und von Rissen durchzogene Zimmerdecke betrachtet, die ebenso sehr etwas Sinnbildhaftes hat wie die Erinnerung, die sie hervorruft. Diese Erinnerung an den Nachmittagsschlaf mit der Mutter während der Sommerferien auf dem Pfarrhof des Onkels wird Gertrud Leutenegger fast 40 Jahre später im erwähnten Roman <em>Panischer Frühling</em> nochmals intensiv heraufbeschwören. Doch wie gesagt, die emportauchenden Bilder der Erinnerung und der Versuch, darin eine eigene Geschichte zu finden, prägen schon ihren ersten Roman. Geschichte ist dabei im übrigen nicht rückwärtsgewandt gedacht, sondern als das einzige, was lebendige Entwicklung ermöglicht: „Was nicht gewachsen ist, was keine Geschichte hat, kann uns nicht verändern“, heißt es in <em>Vorabend</em>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Rebellische Vitalität</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich an dieser Stelle eine kleine persönliche Reminiszenz einflechten darf: Von diesem Buch <em>Vorabend</em> erfuhr ich das erste Mal im Jahr 1982 hier in Zollikon. Und das kam so: Als blutjungem Mann hatte mir der damals hier lebende Rechtsanwalt Dr. Elio Fröhlich auf zweifache Weise unversehens den Himmel geöffnet. Einerseits hatte er mich beauftragt, zusammen mit Werner Morlang den Versuch zu unternehmen, Robert Walsers rätselhafte „Mikrogramm“-Manuskripte zu entziffern. Andererseits sagte er mir, ich solle in das Haus der verstorbenen Verlegerinnen Lilly und Selma Steinberg an der Schwendenhaustrasse 19 oben an der Rehalp einziehen und dessen Renovation koordinieren, damit es anschließend für Aufenthaltsstipendien von Schriftstellern genutzt werden könne. Auf Grund dieser märchenhaften Wendung meines Lebens betätigte ich mich in der Folge einerseits als versponnener Mikrogramm-Entzifferer, andererseits als tatkräftiger Haussanierer, bis dann im Herbst 1982 die erste Stipendiatin einzog. Es war dies die 2017 leider verstorbene Autorin Margrit Baur, die es im übrigen auch verdient gehabt hätte, mit Ihrem Kunstpreis ausgezeichnet zu werden, doch beim zweiten Stipendiaten Reto Hänny ist Ihnen dieses Versäumnis ja dann nicht mehr unterlaufen. Da ich in dem Haus noch eine Weile als Pedell oder „Gehülfe“ fungierte, lernte ich rasch auch Margrit Baurs literarische Vorlieben kennen, und schon in den ersten Wochen erzählte sie mir, dass es nur einen Erstling in der Literatur gebe, der sie wirklich <em>neidisch</em> gemacht habe: Gertrud Leuteneggers <em>Vorabend</em>. Es klingt mir noch heute im Ohr, wie glaubhaft sie das Wort „neidisch“ damals aussprach; die Intonation war trotz aller Selbstironie wahrhaft grell gelb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es verstand sich von selbst, dass ich meine Gehülfen-Ehre darin erblickte, dieses Buch dann ebenfalls zu lesen, wobei mich die Frage begleitete, was darin wohl Margrit Baurs Neid erweckt habe. Sie hatte 1981 das Buch <em>Überleben. Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage</em> publiziert – ein protokollartiger Text über die zähen Bemühungen, sich gegenüber der niederdrückenden Monotonie des Büroalltags und der privaten Vereinsamung in der anonymen Vorstadt zu behaupten. Dieses Buch hat gewiss auch heute noch Bestand, ja sogar unverminderte Aktualität, doch eines fehlte ihm: die rebellische Vitalität von Gertrud Leuteneggers <em>Vorabend</em> – wobei es bekanntlich immer das schmerzhaft Entbehrte ist, was einen neidisch macht. Im <em>Vorabend</em> gibt es zum Beispiel diesen Satz: „Ich lebe nicht gerne, wo man sich nicht austoben und wo man nicht ganz unsichtbar sein kann.“ Und es gibt eine ganze Reihe von Passagen, die den Paradigmen der Psychiatrie temperamentvoll und unerschrocken widersprechen. Wenn Margrit Baur den Begriff „Depression“ zwar nicht benutzte, sich daran aber abgearbeitet hatte, so liess Gertrud Leutenegger das medizinisch-psychiatrische Denkmuster und seine Institutionen grundsätzlich nicht gelten. „Diese hygienische Distanzierung. Diese feige Hygiene“, heißt es dazu nur knapp. Man könnte dies als billigen Verbalismus, als bloß rhetorische Radikalität abtun, aber nein: die Erzählerin macht die praktische Probe aufs Gesagte und geht in der gescholtenen Psychiatrie arbeiten. Zu ihren Erfahrungen schreibt sie: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nachts, wenn du in einem Irrenhaus bist, zerfällt dir seine Totalität, wandern diese Risse des Daseins gesondert auf dich zu, gräbt sich dir das aufgehäufte Leiden in einzelnen Stichen zwischen die Gedanken. Ein Irrenhaus. Psychiatrische Klinik heißt es heute. Warum sagt man nicht mehr: ins Irrenhaus gehen. Im Narrenhaus verschwinden. In dem Wort lag noch etwas wie ein Triumph, eine königliche Schnoddrigkeit der Gesellschaft gegenüber. Und die Verrückten, denen man wie großen Verbrechern insgeheim eine bewundernde Scheu entgegenbrachte, man betrachtete sie, als gingen sie mit heiligen Visionen schwanger. </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, da ist Leiden. Ja, da ist auch Scheitern und Unglück. Ja, da mag auch Wahn sein. Aber auch Selbstbehauptung und Stolz. Krankheit dagegen wohl eher nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Freiheit des Verrückten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Verrückte und Irrsinnige treten in fast allen Büchern von Gertrud Leutenegger auf, und zwar nicht als Fehlfarben der Entwicklungspsychologie oder als Mängelexemplare genetischer Reproduktion, sondern als Menschen mit rätselhaftem Schicksal, einer gewaltigen irrlichternden Energie und – nicht zuletzt – einem eigenartig treffsicheren Instinkt. Wenn Sie z.B. den Roman <em>Pomona</em> aus dem Jahr 2004 lesen, werden Sie nie mehr jenen Sirio aus dem sogenannten Kartoffelzimmer vergessen, der immer dann, wenn im Dorf etwas Feierliches oder gar Salbungsvolles vor sich ging, den allgemeinen Gefühlsgleichklang nach Kräften sabotierte. Zugleich aber scheint er sehr genau zu verstehen, was Orion, jenen kühnen, aber notorisch scheiternden Architekten und Hobby-Astronomen, an dem oberhalb des Dorfes gelegenen Pestkirchlein anzog. Orion ist der Lebenspartner der Erzählerin, dessen Requiem Gertrud Leutenegger 15 Jahre später in ihrem bislang letzten Roman <em>Späte Gäste</em> geschrieben hat, d.h. jenem Buch, aus dem Sie vorhin die wunderbare Geschichte aus Modica gehört haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orion, Sirio – welch himmlische Namen, mag einem dabei auffallen. Auch eine Serafina kommt hier ja vor. Ich glaube, über diese Namen sollte man nicht einfach nur arglos hinweglesen. Namen üben eine merkwürdig prägende Kraft auf uns aus, denn sie sind keineswegs so individuell, wie wir vielleicht meinen könnten. In ihnen haben sich vielmehr zahllose vorrangegangene Leben sedimentiert und verdichtet, sie enthalten ein uns immer schon vorauslaufendes Programm, ob sich die Namensgeber darüber nun Rechenschaft abgelegt haben oder nicht. Eine Autorin wie Gertrud Leutenegger aber hat dies in jedem Fall getan, sie weiß sehr genau um die überindividuelle Dimension von Namen, und sie gelten ihr als Indiz, dass wir generell viel mehr sind als nur Individuen mit einer sogenannten Identität. Unsere Epoche ist allerdings von einem Identitätswahn und einer gleichzeitigen Allegorienblindheit geschlagen wie kaum eine zuvor, weswegen wir fast kein Sensorium mehr dafür haben, dass das Individuelle nur eine kleine Zwischenzone bildet zwischen den tiefen geschichtlichen Sinnbildern, zu denen sich Namen und Allegorien verdichtet haben, und andererseits der identitätssprengenden Freiheit des Alogischen und „Verrückten“, eine Freiheit, wie wir „Normalen“ sie nur unversehens unter Masken erlangen. Wenn sie die Bücher von Gertrud Leutenegger lesen, wird Ihnen auffallen, dass in sehr vielen von ihnen die Fastnacht eine ganz besondere Rolle spielt: das Narrentum und dieses wunderbare Gegenwartsgefühl, wenn man Unsinn macht, wenn alle miteinander Unsinn machen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Nekrophilie der Maschine</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen diesen Polen der alten Namens-, Stern- und Sinnbilder auf der einen Seite – und der großen Entgrenzung der Fastnacht auf der anderen versuchen sich die Personen in Gertrud Leuteneggers Büchern ihrer selbst und ihrer Geschichte inne zu werden. Sie tun dies mit zarter Bestimmtheit und Sorgsamkeit, denn sie wissen, dass es auf die Nuancen ankommt, auf Präzision im Detail – in der inneren wie der äußeren Wahrnehmung. „Es geht um unsere eigene Substanz“, heißt es dazu an einer Stelle, „um unsere Lebenswurzel“. Das sind natürlich unsichtbare Dinge, doch sie sind da, ja, sie machen den Urgrund unseres Lebens aus. Gertrud Leutenegger hat sich dazu, soviel ich sehe, nur ein einziges Mal programmatisch und expressis verbis geäußert&nbsp;– in dem frühen Text „Der Tod kommt in die Welt“ von 1977. Der Tod, den sie darin beschreibt, ist nicht der natürliche, der Teil jedes einzelnen Lebens ist, sondern es ist die besinnungslose Nekrophilie der Maschine, die zerstörerische Unterwerfung der Natur und die Blindheit gegenüber jenem Unsichtbaren, wie wir es zum Beispiel im Gesicht der Kindheitslandschaft vergegenwärtigen können. „Wir wissen nicht mehr, dass die Erde lebt, dass die Seen atmen und die Berge hellwach in der Nacht stehen. […] Die Naturmissachtung ist nur der Anfang der Missachtung der menschlichen Seele. […] Eine Zerstörung ruft nach der anderen, rechtfertigt sie, stumpft uns ab. Wir sind“ – so die Quintessenz – „wir sind verwahrlost.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen diese Verwahrlosung, die sich nicht ins eigene Gesicht zu sehen wagt, hat Gertrud Leutenegger von Beginn weg angeschrieben – nicht indem sie angeklagt, entlarvt oder verurteilt hätte. Im Gegenteil. Von Anfang an wusste sie auch: „Die Köche des Fanatismus haben die Geschichte verdorben.“ Bei ihr hingegen geht es um Bewahren und Wiederfinden, um Gewissenhaftigkeit im Umgang mit uns selbst, um das Erkennen der feinen Verbindungsfäden unserer Erinnerung, um das Weben eines Zusammenhangs.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Immer leichter werden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf diese Weise sind all die 17 Bücher, die Gertrud Leutenegger bis heute veröffentlicht hat, in vielen Details hintergründig miteinander verbunden und verwoben. Ein Beispiel zum Abschluss: In jenem kleinen Taschenbuch, das vom eben erwähnten Text „Der Tod kommt in die Welt“ eröffnet wird, finden Sie am Ende den Text „Reise durch die Miniatur“. Darin geht es um erste Eindrücke von der Übersiedlung in ein Dorf am Fuße des Monte Generoso. Die Erzählerin tritt in ein verlassenes Steinhaus, aus dem sie die Kälte von Jahrhunderten anweht. Das Treppenhaus hat einen Freskenhimmel, mit einer kleinen Darstellung, die ihr wie „längst erstarrt“ erscheint. Dreißig Jahre später – in dem schmalen Prosaband <em>Das Klavier auf dem Schillerstein</em>, den unser Verlag herausbringen durfte – kommt Gertrud Leutenegger nochmals auf dieses Treppenhaus zu sprechen und erweckt das „längst erstarrte“ Fresko wieder zum Leben. Die Erzählerin ist unterdessen zurück in die Großstadt gezogen; sie hat aus ihrer Zeit in jenem Tessiner Dorf aber noch die Gartengeräte aufgehoben, die nun nutzlos im Keller stehen – wie ein Sinnbild des Älterwerdens, des Abschiednehmen-Müssens. Und sie stellt fest: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nichts Äußeres mehr, weder Treppenhaus, noch Garten, drückt meine Lebensart aus. Alles wird weniger. Aber die geliebten Menschen sind da, ein Seezipfel, der aufleuchtet, die Blutbuche vor den Fenstern, der Herzschlag der Katze unter dem schwarzen Fell. Wie fordert das Leben uns heraus, immer leichter zu werden. Im Innern nimmt das einst Sichtbare Zuflucht, erwacht zu fernem Klang, steht als ungreifbare Architektur wieder auf, wird Rhythmus, Glanz. Beinahe vergass ich: Es gab doch etwas im Treppenhaus von Cabbio. Weit oben, im nur schwach erkennbaren Freskenhimmel, noch transparenter als die Wolken gemalt, schwebte ein winziges, flirrendes Wesen, das ich nie jemandem zeigte. Mehr noch, ich verheimlichte es. Es schien, in seiner geisterhaften Grazie, auf der Flucht zu sein. Oder schon am Verschwinden? Es war ein Zitronenfalter.</p>
</blockquote>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: privat</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/der-zitronenfalter/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120184</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Page-99-Test: Gertrud Leutenegger</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/</link>
					<comments>https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Jun 2026 07:58:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120210</guid>

					<description><![CDATA[Vor einem Jahr starb Gertrud Leutenegger, eine der große Unbekannten der deutschsprachigen Literatur. Die Seiten 98 und 99 ihres Debüts „Vorabend“ zeigen eine Autorin, die ihre Stilmittel souverän einsetzt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8211; 20.6.2026: Page-99-Test Gertrud Leutenegger von Sieglinde Geisel<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/der-zitronenfalter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Zitronenfalter.</a> Laudatio von Bernhard Echte<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger</a>. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman <em>Späte Gäste</em></p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Dieser Page-99-Test beruht auf einem <em>leap of faith</em>. Ich nehme den ersten Todestag von Gertrud Leutenegger zum Anlass für einen Page-99-Test, aber das geht natürlich nur, wenn der Test gut ausfällt. Da ich beim Page-99-Test nicht schummeln darf, indem ich mir aus einem der 17 Bücher von Gertrud Leutenegger eine besonders gelungene Seite 99 aussuche, könnte das Experiment auch schiefgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich greife in meinem Bücherregal zu ihrem Debütroman <em>Vorabend</em>, der 1975 bei Suhrkamp erschienen ist, ein Exemplar der ersten Auflage. Schlägt man das Buch auf der Seite 99 auf, öffnet sich eine <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Seite-98-und-99-Leutenegger.jpeg" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Seite-98-und-99-Leutenegger.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Doppelseite</a>, und weil auf der Seite 98 die Erzählung neu einsetzt, erlaube mir eine kleine Änderung der Spielregeln: Ich nehme die Seite 98 mit dazu (das ist nicht Schummeln).</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Durch ein Dorf im Veltlin laufen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Satz versetzt uns an den Ort des Geschehens. Die Ich-Erzählerin (oder ist es ein Erzähler?) betrachtet die Szenerie. Auf dem Dorfplatz steht ein „monumentaler hässlicher Stein mit den Namen der Kriegsgefallenen, ein erratischer Block in diesen Nachmittagen“ (sehr exquisit, die Formulierung mit den Nachmittagen). Die Ich-Erzählerin denkt über die Bewohner nach, eine kleine Bar fällt ihr auf, „die ein schwaches grünliches Licht erhellt“, sobald die Nacht einfällt. Sie sieht einen alten Mann auf einer Steintreppe sitzen, der die Lappen um sein aufgedunsenes schwarzes Bein aufwickelt; wie man später erfährt, heißt er Vittorio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Doppelseite ist durch einen überraschend wirkungsstarken Kunstgriff rhythmisch grundiert: durch Fragen ohne Fragezeichen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Was versteckt sich hinter den Gewohnheiten dieser Menschen, die wortkarg in den abschüssigen Gassen verschwinden, unter den Hauseingängen zusammenstehen oder an die Friedhofmauer gelehnt warten.<br><br>Was war das: der Krieg, ein unsichtbarer Flammenherd unten in den Tälern, der gierig bis in diese Abgelegenheit seine Flammenspitzen streckte.<br><br>Was sitzt der Mann dort auf der Steintreppe.<br><br>Ist das Altersbrand.<br><br>Eine bückt sich jetzt nach ihrem Häufchen Wäsche und grüßt, eh Vittorio, sagt sie, du machst es wohl auch nicht mehr lange.<br><br>tut es weh<br><br>wo krümmen sich die Namen der Gefallenen</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Durch diese Art des Nicht-Fragens entsteht ein eigener sprachlicher Kosmos. Es ist eine Form der Anschauung, des Innehaltens. Ein Stilmittel, das zeigt, was Sprache kann – was die Autorin kann. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dort, wo sie die Regel bricht. Denn auf die Nicht-Frage „Ist das Altersbrand“ folgt eine Frage und ein Ausruf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sieht fortgeschrittenster Altersbrand so aus? Geht denn hier niemand zu einem Arzt!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Eine virtuos gesetzte Lücke: Wir wissen jetzt, wie schrecklich das Bein aussieht, ohne dass die Autorin es beschreiben muss. Der Ausruf, samt Ausrufezeichen, schreckt die Lethargie der Szenerie auf, aber nur für einen Moment.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie gezielt Gertrud Leutenegger in ihrer Prosa mit dem Rhythmus arbeitet, zeigt der letzte Satz dieser Doppelseite. Sieben Zeilen zuvor wird das Motiv ein erstes Mal ausgesprochen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Il male sta con le persone</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Böse steckt in den Menschen, sagt eine Frau, sie schaut die Ich-Erzählerin an „mit bewegungslosen ernsten Augen“. Der Satz, in dem der Krieg nachhallt, wird selbst zum Echo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">il male, Vittorio, il male sta con le persone con le persone con le persone</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So verhallt das Echo des Bösen am Ende der Seite, das Böse, das durch den erratischen Block mit den Namen der Gefallenen im Dorf präsent ist und jede Idylle verhindert.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der Wortwahl gibt es nichts Zufälliges. Wie immer erkennt man die stilistische Brillanz an den <a href="https://tell-review.de/page-99-test-nelio-biedermann/">Adjektiven und Adverbien</a>. Der Stein mit den Namen der Gefallenen wird von den Bewohnern „in Erbitterung und frömmlerischer Verehrung“ umkreist. Der Krieg erscheint als „unsichtbarer Flammenherd“, der „seine Flammenspitzen“ gierig ausstreckt bis in diese „Abgelegenheit“. In der kleinen Bar „blüht für kurze Stunden ein leichtsinniger Dorftratsch auf“. Dann jedoch kreisen die Gespräche wieder „unabwendbar um die Monotonie von Tod und Geburt und Hochzeit und Krieg“ (Rhythmus!). Vittorios Hände, Kleider, Schläfen, Haar sind „gleichermaßen durchfurcht und vergraut“. Ein paar Frauen bleiben stehen, „gelassen und verschwiegen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich könnte diese beiden Seiten abschreiben, Wort für Wort. Jedes Wort lohnt die Mühe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn auch unten auf der Seite ein Gemeinplatz aus der Serie <a href="https://taz.de/die-wahrheit/!5159650/" data-type="link" data-id="https://taz.de/die-wahrheit/!5159650/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„irgendwo bellte ein Hund“</a> auftaucht, der einzige Schönheitsfehler auf dieser Doppelseite:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">irgendwo gackerte ein aufgeschrecktes Huhn</p>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Gertrud Leutenegger<br><strong>Vorabend</strong><br>Roman<br>Suhrkamp Verlag 1984 · 208 Seiten · 15 Euro<br>ISBN: 978-3518371428<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="318" height="522" data-attachment-id="120212" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/cover-37/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?fit=318%2C522&amp;ssl=1" data-orig-size="318,522" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?fit=318%2C522&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=318%2C522&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120212" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?w=318&amp;ssl=1 318w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=300%2C492&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 318px) 100vw, 318px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>4</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">120210</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
